Texte von Holger Bunk

Forschungsbericht Wintersemester 2012/13
Tagebuch

1.9.12
Arbeit im Atelier und Garten, Aufräumen, Kofferpacken, denn wir fahren am Abend bei klarem Wetter mit dem Mietwagen ins Bilderlager nach Soest. Scanne etliche Zeichnungen für mein Werkverzeichnis, und mache nachts noch eine Zeichnung in Ölkreide und Bleistift.

2.9.12
Am Vormittag ist Vernissage im Museum Wilhelm-Morgner-Haus in Soest. Thomas Drebusch, Sohn des ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Künstlerbundes aus Soest Günter Drebusch, hat mehrere Künstler gebeten, eine Arbeit für eine Versteigerung zu stiften. Ziel ist der Ankauf eines Blattes von Johannes Molzahn für die Sammlung der Stadt Soest. Da das Museum endlich wieder eine Leiterin hat, habe ich auch ein Blatt gestiftet. Es hat einen schönen Platz in der Ausstellung zwischen Arbeiten von Wilfried Hagebölling, Hans Kaiser und vielen Anderen. Die Rede von Thomas Drebusch, die einen Überblick über das Leben des Malers und Bauhauskünstlers Molzahn gibt, wirft auch ein grelles Licht auf die geschichtlichen Fakten. Molzahn war von den Nationalsozialisten aus seinen Lehraufträgen im Bauhaus entlassen worden und mit 14 Bildern in den Ausstellungen über „Entartete Kunst“ vertreten. Nach seiner Emigration in die USA erhielt er mehrere Professuren an Hochschulen dort. Z. B. auch am New Bauhaus in Chicago. Wir hoffen, dass die Molzahn-Papierarbeit aus Privatbesitz im Wert von 12.000,– € durch unsere Beiträge angekauft werden kann. Nach der Eröffnung diskutiere ich mit Drebusch noch länger im Garten meines Freundes und Bildhauers Michel Düchting, der eine interessante Stahl-Skulptur gespendet hatte.

3.9.12
Ein Montag voller Organisatorischer Dinge. Die Kunstakademie kann den Lehrauftrag für Aktzeichnen nicht mehr finanzieren. Bei der Verabredung mit Prof. Saito für den 12. September gab es ein wohl sprachliches Missverständnis. Thomas Stricker muss das Vorlesungsverzeichnis bekommen. Mit Gabriele diskutiere ich einen Zeitungsartikel über die Zunahme von Buchpublikationen, die Leute selber als E-Books herausgeben. Was ist die Aufgabe des Gestalters dann noch? Könnte mein Buchprojekt auch als E-book konzipiert werden? Nach der Abreise von Gabriele nach Kassel mache ich drei Zeichnungen auf alten Papieren, bis spät in die Nacht.

4.9.12
In Soest im Atelier wieder Arbeiten gescannt und neue Zeichnungen gemacht, diesmal 2 Ölkreide-Bleistift-Zeichnungen, die größer sind als A4. Dabei gingen mir die starken expressiven Formen Wilhelm Morgners durch den Kopf, die ich am Sonntag in einem schnellen Durchgang durchs Morgner-Haus gesehen hatte. So stark sind meine Blätter leider nicht. Unsere Ausstellung in Reykjavik ist jetzt abgebaut. War wohl sehr gut besucht und mich freut besonders, dass sie bei jüngeren Leuten sehr gut angekommen ist. Jetzt muss ich entscheiden, wann ich wieder hinfliege, um alles zurückzuholen, weil es ja kein Transport-Budget gibt.

5.9.12
Stehe im Dunkeln auf und gehe und bei Nieselregen zum Bahnhof in Soest, weil ich heute endlich zur Dokumenta fahre und zur Öffnung morgens da sein will, um möglichst viel zu sehen. Ein paar Stunden später stehe ich auf dem Hauptbahnhof in Kassel und höre die Musik-Inszenierung von Susan Philipsz am Ende eines Gleises an einem Nicht-Ort zwischen abfahrenden langweiligen Regionalbahnen. Das ist das erste Werk, was mich nach dem Durchgang durch verschiedene Räume fasziniert, weil der Klang einen geistigen Raum erzeugt, der – durchbrochen von Zuggeräuschen und Tuten – dem banalen Bahnhofsgeschehen und der Güterbahnhofsaussicht widerspricht. Natürlich sind die Empfindungen auf einem deutschen Bahnhof mehr als zwiespältig …
Wer nach Kassel kommt, um aufregende neue Malerei zu sehen, der war wohl von den letzten drei Dokumenten enttäuscht. Es ist die vorletzte Woche der 100 Tage, und ich habe natürlich schon viel gelesen und gehört. Auch die Dokumenta-Leiterin selbst, die in Stuttgart im Kunstmuseum und mit Studierenden der Akademie als Publikum kein sehr klares Bild der Ausstellungsideen formuliert, sondern eher Erstaunen mit esoterisch klingenden Bemerkungen erregt hatte. Javier Téllez’ Höhlenkino nach Artaud war auch eine Arbeit, die mir gefiel, weil sie auf Inszenierung nicht nur im Film, sondern auch in der Präsentation setzte und zwar meiner Meinung nach in ironischer Weise, wegen des sehr künstlichen Aussehens der Grotte (wie in einem Freizeitpark-Spektakel). Ansonsten fielen mir etliche recht schwach wirkende Beiträge auf.
Sehr gut war für mich die gemeinsame Arbeit von Ines Schaber und Avery F. Gordon, die den Raum gut bespielte und die Konzentration auf das Gehörte ermöglichte. Der visuelle Eindruck von Umgebung und Straßengeschehen gehört zu dieser Arbeit. Kassel ist während der Dokumenta eine Art Gesamtinszenierung. Denn als ich mich auf der Suche nach Notizblock und Stift in die Schreibwarenabteilung des Kaufhofs verlaufe, sind dort alle 100 Notizhefte zur Dokumenta ausgestellt und ich kann sie in völliger Ruhe durchschauen. Ich nehme einen Stapel davon mit, um sie zu lesen und zu verschenken. In der neuen Galerie waren die malerischen Positionen von Emily Carr und Margret Preston wie erwartet die Erinnerung an zu Unrecht Übersehenes. Erstaunt war ich im Brüder-Grimm-Museum, weil ich die Arbeit von Nedko Solakov nach einem wohl unglücklichen Fernsehbericht für kompletten Unsinn gehalten hatte. Hier vor Ort erschloss sich der Zusammenhang mit Grimms Märchen und dem gesellschaftlichen Phänomen von Ritterzeit-Reenactments jedoch. Bei einer Pause im Café traf ich den Rektor der Kasseler Kunstakademie und Dokumenta-Teilnehmer Christian Philip Müller, dessen Arbeit sich im Ottoneum befand und vor der Kunsthochschule in der Aue. Wir gehen zusammen ins Museum Fridericianum, wo er einige Tips für den Rundgang gab. Im Raum mit den Apfelsorten-Bildern Korbinian Aigners wurde mir klar, dass Müller mit seiner Mangoldsorten-Arbeit hierzu eine Verwandtschaft sieht. Außerdem waren wir zusammen im zentralen Raum, dem so genannten „brain“, wo Zeit war, miteinander zu diskutieren. Hier, wo an einer ganz zentralen Stelle Morandi-Stilleben ausgestellt sind, war ich dann doch ratlos: Nachdem ich erst gedacht hatte, dass es eine spannende Idee ist, hervorragend erforschte und sozusagen „allzu bekannte“ Positionen wie Dalí und Morandi unter die brandneuen künstlerischen Zeitgenossen zu mischen, wurde mir eben doch nicht klar, warum diese Künstler und nicht andere auch. Bei sehr gut bekannten und dokumentierten Positionen wie Charlotte Salomon und den Tula artists, fragt sich, ob eine ganze thematische Ausstellung in der Ausstellung den Betrachter nicht überfordert und sogar davon abhält, Zusammenhänge der Gesamtpräsentation zu kapieren. Für mich hätten hier weniger Arbeiten wie (z. B. bei Julio Gonzales) gereicht. Denn die Arbeiten von Llyn Foulkes, Goshka Macuga und anderen, die anschaulich funktionieren, erfordern doch einige Zeit, sich einzusehen. Dies erreicht man nicht, wenn man überfordert ist. Denn die Besucher müssen ja vor übervollen Räumen warten und haben dann darin keinen freien Blick auf die Arbeiten. Es gibt einige Stellen in der Ausstellung, wo stark von den informierten Machern der Dokumenta her gedacht ist, aber nicht vom Besucher her. Viele der umfangreichen Beschriftungen hängen im Dunklen weit unter Augenhöhe.

6.9.12
Meinen zweiten Besuchstag beginne ich mit der Dokumenta -Halle, wo mir die Präsentation der Arbeiten von Gustav Metzger erneut nicht optimal vorkommt. Die Zeichnungen aus den 50er Jahren werden in großer Zahl, über mehrere Räume verteilt, unter Stofftüchern präsentiert, die schädliches Licht abhalten sollen. Der Gedanke der autodestuktiven Kunst erschließt sich so gar nicht. Und wie ich sehe, werden Tücher sporadisch und fast nie länger als ein paar Sekunden hochgehoben, weil noch zu viele andere Blätter warten. Niemand macht sich die Mühe alles gründlich anzusehen. Ein abgedunkelter Raum ist bei anderen Arbeiten vorhanden, warum bei dieser nicht? Ich verstehe außerdem nicht, warum Bayerle, der natürlich ein wichtiger und viel ausgestellter Künstler ist, als Preisträger der Dokumenta gewählt wurde. In der Dokumenta-Halle war für mich interessant, dass es aus Korea und Japan eine Arbeit gab, die auf die Katastrophe nach dem Japanischen Erdbeben und Tsunami reagiert. Hier bekam ich Interesse, mich weiter zu informieren. Sehr gut fand ich in der Aue den Film von Omer Fast. Andere Stationen in der Aue waren dagegen schwächer. Insgesamt funktionierte die Dokumenta für mich wie ein Essay, in dem viele hoch aktuelle und spannende Gedanken unverbunden nebeneinander stehen. Die Grundidee von Zerstörung und Rekonstruktionen, ökologische und feministische Ideen, politische Alternativen und gesellschaftliche Experimente kamen immer wieder und in verschiedenen Formen vor. Aber vieles war nicht klar genug heraus gearbeitet, und ich mit meiner Vorliebe für Anschaulichkeit und Gründlichkeit der Durcharbeitung kam nicht immer auf meine Kosten. Dass MalerInnen mit Positionen, die hervorragend zu den Themenschwerpunkten gepasst hätten möglicherweise nur wegen der Tatsache ausfielen, dass sie malen, finde ich unnötig und schade: Rosemarie Trockel ja, Marlene Dumas nein, vietnamesische Staatskünstler ja, Dierk Schmidt nein. Am Abend fahren G.F.G. und ich zurück nach Westfalen, wo wir in Wamel am Möhnesee zum Geburtstag des Sammlers und Kunstliebhabers Klaus Rogge eingeladen sind.

7.9.12
Aufräumen im Soester Bilderlager, Koffer packen, es geht mit Umwegen zurück nach Amsterdam. Bin von der Dokumenta-Tour erschöpft. Lese Texte nach, gehe früh schlafen.