Texte von Holger Bunk

Forschungsbericht Wintersemester 2012/13
Tagebuch

1.8.12
Vormittags mache ich Listen von meinen ausgestellten Blättern mit Titel und Preisangabe für das Museum, Verschönerungsarbeiten an der Aufhängung. Zwei Zeilen von Zeichnungen werden im dunkleren unteren Ausstellungsraum gehängt. Am Nachmittag kommt Lars Ravn aus Kopenhagen, der Dritte von uns. Aus versehen hat man kein Zimmer mehr für ihn, und ich muss alles aufräumen, damit für die eine Nacht, die wir zusammen in einem Zimmer verbringen müssen auch genug Platz ist. Eigentlich ganz gut, denn so muss ich meinen Koffer frühzeitig packen.
Lars Ravn ist mit unseren Vorbereitungen im Museum zum Glück einverstanden, wir müssen nichts umhängen. Um so mehr wird der einzige Abend von uns Dreien zusammen in Helgi Thorgils Friedjonssons Wohnung, gleichzeitig Ausstellungsraum „Corridor“ gefeiert. Helgi hat einen Freund, den Künstler Birgir Snaebjörn Birgisson eingeladen, und es gibt ein Festessen: Den von Helgi selbst geangelten großen Lachs. Wir machen weitere Pläne für die Ausstellung im Museum und eine weitere Ausstellung von Lars und mir im „Corridor“. Die Ausstellungen dort werden gut dokumentiert und sicherlich von vielen Leuten gesehen, denn es gibt kaum einen Künstler in Reykjavik, der so gut vernetzt ist wie Helgi. Ich schlage vor, dass meine ehemalige Schülerin Isabell Kamp aus Hamburg ein Portfolio schickt. Helgi ist interessiert, denn er sucht eventuell Leute für eine Ausstellung im „Corridor“. Nachts im gemeinsamen Zimmer breitet Lars seine mitgebrachten Schätze auf meinem Bett aus: Am Computer gezeichnete Bilder ausgedruckt auf Collagen und bemalten Papieren. Übereinander liegende Strukturen, aber vor allem: Junge Damen in nicht ganz unschuldigen Posen.

2.8.12
Im Museum stimmen wir am Morgen die Auswahl der vielen Einzelarbeiten ab, damit die Show für den Besucher ein Ganzes ergibt. Lars überrascht immer wieder mit klaren und witzigen Einfällen. Im unteren Raum mit den Zeichnungen werden die Beiden eine Hängung aus vielen kleinen Einzelblättern versuchen, die als Außenform so etwas wie einen Baum-Umriss ergibt. Dafür will Lars die Blätter sogar überlappend hängen. Ich bin gespannt. Es gibt noch einen gemeinsamen Termin mit einem Zeitungsfotografen, und die Museumsdirektorin unterhält sich lange mit mir. Sie wird morgen nach Berlin fliegen und fragt mich nach interessanten Galerieadressen und Ausstellungen. Ich antworte so gut ich kann, aber vor allem gebe ich ihr die Telefonnummer von Philip Loersch und sende ihm eine SMS, dass sich vielleicht jemand aus Island melden wird. Danach wird es Zeit, sich zu verabschieden und ich steige in den Flughafenbus und bin pünktlich am Flugzeug nach Ffm.

3.8.12
Umpacken: Koffer leeren, Zeichnungen und Collagen, die nicht in Island gebraucht wurden wieder verstauen und dem Museum eine Liste der Arbeiten mit Titeln und Preisangaben in Isländischen Kronen schicken. Dann bügeln und den Koffer wieder packen: Morgen früh geht es nach Irsee. Im Anruf von dort hieß es, dass ich in Kaufbeuren vom Zug abgeholt werde. Das freut mich natürlich. Und dort werden Aquarelle von mir gehängt. Ich soll nur die Reihenfolge festlegen, dann würde es jemand für mich hängen. In dieser Hinsicht ein toller Service verglichen mit Reykjavik.

4.8.12
Anreise ins Kloster Irsee, wo ich zusammen mit anderen Künstlern eingeladen bin, eine Woche lang Kurse zu geben. Nach den kleinen Gebäuden in Island überwältigt mich die machtvolle Klosteranlage mit ihrer Dimension und Inszenierung der Blickperspektiven. Meine Bilder, die ich vorausgeschickt hatte, werden hier von Haustechnikern in kurzer Zeit aufgehängt und man begrüßt die Künstlerlehrer als „Meister“, weil man den Unterricht der hier stattfindet „Meisterklassen“ nennt. In der Malerei wird hier parallel Thomas Bechinger einen Kurs unterrichten, in der Fotografie Judith Samen, die in Mainz arbeitet, in der Druckgrafik Marijke von Verhoef aus Den Haag, in der Bildhauerei/Zeichnung Christina von Bitter aus München. In der Eröffnungsrede zum „Schwäbischen Kunstsommer“ spricht der Leiter der Tagungs- und Bildungsstätte Dr. Herzog unter anderem über die Gründungszeit seiner Einrichtung 1988 und das Motto „Kunst leben“ und erwähnt das damals unter diesem Titel erschienene Buch von Richard Shusterman, das den erweiterten und geöffneten Begriff der Kunst für die damalige Zeit manifestierte. Ich mache etliche Fotos von Details des ursprünglich barocken, jetzt aber stark modernisierten Gebäudes.

5.8.12
Morgens war ich in der Klosterkirche, die eine Kanzel in Schiffsbug-Form mit einem Blau-metallic-Segel hat. Vormittags und nachmittags Malkurs gegeben und unglaublich viel auch grundsätzlich über Malerei diskutiert. Fühle mich aber wohl dabei, weil die Leute sehr ernsthaft arbeiten. Habe auch in einem kurzen Vortrag über verschiedene Malereiauffassungen gesprochen. In der Mittagspause ein Rundgang durchs Kloster Irsee mit einigen stark mit Stuck ausgestatteten Sälen. Aber auch der Gedenkstätte für die hier getöteten 2000 Euthanasie-Opfer der Psychiatrischen Klinik in der Nationalsozialistischen Zeit. Dort hängt ein Triptychon von Beate Passow, das Fragen und lange Diskussionen über Kunst und Moral auslöst: „Künstler als Händler schwerer Themen“?

6.8.12
Noch müde von den vielen und langen Gesprächen des Vortags hatte ich Mühe, die Energie für den Unterricht aufzubringen, aber die Leute in meinem Kurs der Sommerakademie und ihre interessanten Bilder haben mich nach kurzer Zeit wieder munter gemacht. Einer der Kursteilnehmer hat mich als General vor den Twin Towers porträtiert. Im Hintergrund die Twin Towers, die von fliegenden Pinseln getroffen werden. In der Mittagspause gehe ich mit zwei Kollegen in den benachbarten Teich schwimmen, das war wirklich erfrischend und etwas Besonderes.

7.8.12
Die Aufgabe, meine Arbeiten in einem kleinen Vortrag vorzustellen, ist mir nur ungenügend gelungen. Es Standen in dem Teil des Klosterkreuzganges, der mir in Irsee zur Verfügung gestellt wurde zu viele Leute, um wirklich etwas sehen zu können. Ich habe den Fehler gemacht, mich auf die einleitenden Worte der Studienleiterin zu beziehen. Statt viel über figürliche Kunst zu reden hätte ich lieber über meine Idee reden sollen, dass die Bilder eine bestimmte positive Wirksamkeit haben sollen.