Texte von Holger Bunk

Forschungsbericht Wintersemester 2012/13
Tagebuch

28.7.12
Eine kleine Wanderung gemacht. Erst über ein Stück Pistenstraße zu einer Brücke mit Blick ins glasklare Wasser. Helgi sah mit geübtem Auge, dass heute keine Lachse da sind. Dann zum Meeresufer, wo er mir den essbaren Seetang zeigte und 5-6 Seehunde, die er versuchte zur rufen. Weil sie neugierig sind, kommen sie dann manchmal angeschwommen. Unsere Seehunde waren aber zu faul dafür. Neulich muss ein Orca bis hierher geschwommen sein und hat hier einige Seehunde erwischt, was ein grausames Schauspiel ist, von dem mir auch Helgis Frau Magga Lisa schon erzählt hatte. Dann kletterten wir in der wunderbar warmen Sonne auf einen kleinen sehr felsigen Berg. Ein Gespräch über „Vampirotheutis“ von Vilem Flusser zwischen wilden Blaubeeren und Pilzen. Auf dem Weg zur Spitze des Berges konnte ich Helgi kaum folgen, der hier so schnell schlendert, wie wenn er auf einem flachen Gehsteig läuft. Ich dagegen rutsche ab, stolpere und weiß im Gestrüpp nicht wo hin treten. Von oben natürlich wunderbare Aussicht auf den Fjord, die gegenüberliegende Seite mit den vielen Inseln und Stykkisholmur. Wieder zu Hause Gespräche über Amelie von Wulfen, Bernd Koberling und Kataloge von Sean Landers, Robert Devriendt und Stephen MacKenna (Ich muss mal überprüfen, ob von diesem wunderbaren Koloristen mit seinen vereinfachten Gegenstandsformen ein guter Katalog in der Akademiebibliothek vorhanden ist). Heute vier Zeichnungen gemacht. Ölkreide und Bleistift. Bin sogar zufrieden damit.

29.7.12
Wattwanderung im Hvammsfjördur, Helgi erzählt mir, dass dies schon immer einer reiche Gegend gewesen ist, wegen der Aufkommen an Fisch und der Fruchtbarkeit des Hinterlandes. Er empfiehlt mir in einem Gespräch Slavoj Žižek, den ich noch nicht gelesen habe und von dem ein dickes Buch in Isländischer Übersetzung auf seinem Tisch liegt. Rückfahrt nach Reykjavik. Vorbereitung für den Ausstellungsaufbau im ASÌ- Museum, der morgen losgehen soll

30.7.12
Heute sind nicht nur die Arbeiten an der Aufhängung unserer Ausstellung losgegangen, sonder auch eine Reihe sehr internationaler Nachrichten eingetroffen: Thomas Stricker schreibt mir zwei Mal aus Trinidad-Tobago und wir überlegen, ob wir Helgi kommendes Frühjahr mit nach Namibia nehmen können. Eine Mail: Mein Bildertransport zur Sommerakademie in Irsee scheint geklappt zu haben. Dann meldet sich ein Student aus Rom, der eine Adresse aus Stuttgart braucht, weil er vielleicht ein Bild verkaufen kann. Ich lerne die Museumsdirektorin kennen, die uns großzügiger Weise fast das gesamte Museum zur Verfügung stellt. Ich hänge meine sechs großen Pastelle im ASÌ Museum auf und wir beschließen, dass wir drei Teilnehmer der Ausstellung in einem fensterlosen Ausstellungsraum eine gemeinsame Wandzeichnung machen wie bereits vor Jahren in Kopenhagen. Abends Skypen mit Amsterdam.

31.7.12
Mit meinem Beitrag zu der gemeinsamen Zeichnung nicht nur angefangen, sondern auch fertig geworden. Ist sehr erzählerisch aber auch surrealistisch geworden: 2 Figuren eine fast lebensgroß mit flatterndem Schlips. In den Händen eine Art Bild mit Blasen-Struktur, wie ich sie hier in erkaltetem Lavagestein gesehen habe, in der anderen Hand einen Teller, von dem so etwas wie ein flüssiger Lava – Brei tropft. Während des gemeinsamen Arbeitens fällt mir auf, dass sich meine Striche beim Zeichnen mit Grafitstift viel rhythmischer und regelmäßiger anhören, als die von Helgi, der eine schräg kopfstehende Figur mit einem Lachs auf dem Rücken über die Wand „rutschen“ lässt. Seine Figur entsteht aus eher gekritzelten Linien – Zusammenballungen, während ich Volumen und Oberflächenlicht meiner Gegenstände durch die Intensität des Druckes mit dem Stift und die Form beschreibende Schraffurlagen erzeugen möchte. Helgi braucht deutlich mehr Kraft und erzeugt dadurch sehr schwarze Stellen, bei mir sieht es toniger aus. Mir kommt dabei die Idee, dass wir unser unterschiedliches Arbeitsgeräusch aufnehmen könnten und in der Ausstellung abspielen. Lars Ravn hat sicher noch ein anderes Verfahren, wie er seine Zeichnung macht. Meine zweite Figur hat ein Buch und ein Bild von einer sechseckigen Säule in der Hand und steht zwischen Basaltsäulen, von denen es hier viele gibt und die auch in der benachbarten Halgrimskírkja nachgebildet sind. Eine weitere Basaltsäule in einer Ecke, neben der eine Eiche wächst. Dies wohl, weil Helgi und ich uns in der Pause über die vom morgen anreisenden Lars Ravn zu erwartenden Hasenfiguren unterhalten haben. Als Helgi nach der Bedeutung der Hasen fragte, meinte ich mich an den Bezug zu Beuys und Dürer zu erinnern. Helgi meinte, das sei ja klar, demnach kann man hier beim Kunstpublikum wohl damit rechnen, dass Anspielungen auf diese deutschen Künstler funktionieren. Wir haben beschlossen, bei der Hängung zu probieren, ob wir eine Mischung von lose gehängten Blättern und gerahmten Arbeiten hinbekommen. Innerhalb von weniger als einem Tag organisiert Helgi für mich die Rahmung von 8 meiner Arbeiten. Die gerahmten Collagen sehen hineingestreut in meinem Block aus 5 × 5 Collagen prima aus. Im Café lerne ich Kristján Steingrímur Jónsson kennen, den Dean des Department of Fine Arts der Iceland Academy of the Arts. Er meint, ich solle bei meinem nächsten Besuch in Reykjavik unbedingt in dieser Partnerschule vorbei kommen, die allerdings jetzt gerade wegen Ferien geschlossen ist (was ich wusste – deshalb habe ich diesmal ausnahmsweise keine Kontaktaufnahme geplant). Ein ehemaliger Schüler von Helgi hat eine Galerie im Basement eines Design-Ladens eröffnet. Dort sehn wir uns die Ausstellung von einem Isländer an, der bei Katharina Grosse in Berlin Weißensee studiert hat. Die kleine Ausstellung ist nicht nur gut, sondern auch noch lustig: pinkelnde Figuren in wässeriger Tusche, geschnitzte bemalte Köpfe und Figuren symmetrisch um ein obskuren braunen Pokal angeordnet, der eher erdbraun aussieht statt zu glänzen.
Helgi hat unter seinen tagebuchartig entstehenden Blättern auch etliche, in denen er Zeitungsartikel übermalt und dabei Teile von Text oder Fotos stehen lässt. Eine Arbeit zeigt Amy Winehouse, und er erzählt mir, dass er vor lauter Tabloid – Gerüchten in den Zeitungen nicht geglaubt hatte, dass sie außer Opfer von Skandalberichten auch eine gute Sängerin sein könnte. Erst nach vielen Horrorgeschichten hat er sie singen gehört und gemerkt, dass er ihre Musik kräftig und erstaunlich fand. Ich habe auch meine Amy-Winehouse Geschichte: Als sie vor gut einem Jahr starb, war gerade die Rundgangausstellung und wir Kollegen bei Prof. Büttner eingeladen. Dort sitze ich mit einem Stück Torte zwischen Akademiekollegen, die sich seit 10 Minuten über die „arme Amy“ unterhalten. Als ich mich schließlich einmische und sage, dass ich hier eher erwartet hätte, dass man sich über den kürzlichen Tod von Lucian Freud unterhält, ernte ich Unverständnis: eine Kollegin meint, dass sie ihn gar nicht richtig kennen würde. Helgi lacht über meine Geschichte und meint in seiner ruhigen Art, es sei schließlich meine Aufgabe, so was an „meiner Schule“ zu ändern.