Texte von Holger Bunk

Forschungsbericht Wintersemester 2012/13
Tagebuch

7.10.12
Leider musste der Urlaub auf unerwartete Weise abgebrochen werden – Gesundheitsprobleme. Auf dem Umweg über Amsterdam, brachte ich meine Frau aus Süditalien zu Berliner Spezialisten, um kein Risiko einzugehen. Im Zug nach Berlin las ich in der niederländischen Vogue ein Interview mit Dr. Ann Goldstein, der Direktorin des wiedereröffneten Stedelijk Museum in Amsterdam. Befragt nach der Kunst auf die sie sich bezieht, nennt sie in diesem interviewbasierten Artikel nur Kunstwerke aus US-Amerikanischen Museen. Nach ihrem Verhältnis zur Kunst befragt sagt sie: „Strategie“. Außerdem lese ich das 2005 von Chun Bul Han veröffentliche Merve-Buch „Hyperkulturalität – Kultur und Globalisierung“.
In diesem Buch stellt der Autor die deutschen Denker Hegel, Herder, Heidegger, Nietzsche durch den starken Bezug europäischen Denkens zum Kolonialismus als kompromittiert dar. Nietzsche erscheint ihm noch als der weitsichtigste, die Franzosen (besonders Gilles Deleuze mit seinem Rhizom-Begriff), John Cage und Peter Handke finden mehr Gnade vor seinen Augen. Überlegen erscheinen ihm ostasiatische Haltungen und ich weiß nicht, ob ich seinen Optimismus über eine entstehende ortlose freundliche Hyperkulturalität und die Bejahung von Konsum teilen kann. Ich würde einige seiner Thesen gerne mit Slavoj Žižek konfrontieren, der in einem Buch über die Dispension politischer Ethik, das ich gerade parallel lese, diesen Umgang mit Andersartigkeit von Kultur als „New Age“ bezeichnet.

8.10.12
Arztbesuche und Terminabsprachen von einer Berliner Wohnung aus. Versuche eine Zeichnung von italienischer Landschaft aus dem Gedächtnis weiter zu machen. Frage per Mail bei Thomas Huber und Leiko Ikemura an, ob sie eventuell bei der in Stuttgart geplanten Leporello-Ausstellung mitmachen würden. Möglicherweise könnte ich die Leporello-Dummies bei ihnen vorbei bringen, weil ich gerade in Berlin bin.

9.10.12
Thomas Huber hat geantwortet und erst einmal Fragen zum Projekt gestellt. Ich finde es verständlich und richtig, wenn er sagt, dass er sich in der Regel die Aktivitäten selbst aussucht, mit denen er in die Öffentlichkeit tritt. Obwohl wir jahrelang keinerlei Kontakt hatten, gibt er mir aber in der Antwortmail seine Telefonnummer und wir können uns für den kommenden Tag zum gemeinsamen Mittagessen verabreden. Da werde ich ihm unser Projekt mit den asiatischen Leporellobüchern erläutern. Ich erzähle ihm von meiner Ausstellung mit Helgi Thorgils Fridjonsson in Reykjavik. Das ist ein Türöffner. Er freut sich, von dem gemeinsamen Freund aus Island zu hören.

10.10.2012
Thomas Huber empfängt mich in einer sehr schönen, großen Berliner Wohnung, in der sich auch sein Atelier befindet. Er hat mehrere große und kleine Bilder in Arbeit. Der Parkettfussboden ist makellos. Obwohl er hier malt, entstehen kaum Flecken dabei – er ist also einer von den ganz sauberen Malern. Die neuen Bilder zeigen perspektivische Räume aus Architektur und Gebäuden. Ich war überrascht, dass auch ein Projektor vor den Leinwänden stand. In einer Seitenstraße gehen wir in Thomas Hubers Lieblingsmittagstisch-Restaurant. Ich sitze auf einem Stuhl vor Thomas-Huber-Bildern neben einem Regal, in dem sich Huber-Bücher für die Kunden befinden. Beim Essen ist Huber gut gelaunt und interessiert. Er findet die Idee mit einer Ausstellung mit Leporello-Büchern zumindest interessant. Wir reden auch über Galerien und Akademien und was gut für Studenten ist. Ich überreiche ihm ein Leporello-Buch mit thailändischem Papier und habe den Eindruck, er wird sich dieser Sache widmen. Eine ältere Zeichnung mit italienischer Landschaft fertig gemacht.

11.10.2012
Endlich kann ich durch Urlaub und Krankheit liegen gebliebene Mails erledigen. Einiges ist dringend. In der kommenden Woche beginnt mein Forschungssemester, in dem mich Thomas Stricker vertritt. Nach seinen Besuchen in Stuttgart und meinen in Düsseldorf habe ich den Eindruck, das er gut vorbereitet ist und alles gutgehen wird. Wir sind jetzt regelmäßig in Mail-Kontakt. Besichtige mit Gabriele den „neuen Pavillon“ von Schinkel, der neben dem Schloss Charlottenburg rekonstruiert wurde. Die Farben der Raumabfolge erinnert mich an die Farbklänge von Thomas Hubers Bildern (er wohnt 200 m Luftlinie von hier). In den Räumen sind Bilder von Blechen, Carus und C. D. Friedrich zu sehen, die mich in ihrer Qualität überraschen. Besonders die Bilder und Skizzen von Blechen. Nachts eine Zeichnung gemacht. […]

— Ende des Textauszuges —