Texte von Holger Bunk

Forschungsbericht Wintersemester 2012/13
Tagebuch

24.7.12
Heute habe ich eine Reihe von Collagen fertig gemacht, deshalb war fast keine Zeit für Anderes und „Besichtigungen“ habe ich nur am Rande von Besorgungen in der Stadt gemacht. Im SÌM House der Künstlervereinigung (www.icelandicartcenter.is), in dem ich wohne, ist außerdem ein ständiger Wechsel von Gästen. Hatte ein Gespräch mit Joan Pearlman aus Los Angeles (www.jaonperlman.com). Sie hat eine Nacht hier übernachtet und macht Malereien und Videoarbeiten über die geologischen Strukturen Islands. In der Stadt sah ich eine Kirche, die auf ersten Blick wie Skandinavisches Holz aussah, an de Roststellen konnte man aber sehen, das sie aus Wellblech besteht. Größer als Kirchen sind in der Stadt Theater und ehemalige oder noch funktionierende Kinos. Das sind die großen Gebäude der Stadt aus den 20er, 30er Jahren des letzen Jahrhunderts. Sie müssen die Stadt damals stark geprägt haben. Gegenüber der Innenstadt prominent am Hafen gelegen das Kulturzentrum Harpa, das für Konzerte und Ausstellungen genutzt wird. Die Glasfassade, von Elafur Eliasson mit einem Dänisch-Isländischen Architektenteam entworfen, funkelt bei Sonnenlicht wegen der Nutzung polarisierten Lichts in verschiedenen Farben. Clever hat Eliasson Teile seiner wabenförmigen Geometrie-Elemente auch als Skulpturen vermarktet. So war auch eine solche Skulptur bei den Sammlern zu sehen, die ich am 2 . Tag in Island besuchen konnte. Innen spielt das Gebäude mit schwarzem Sichtbeton und Naturstein als Kontrast zu vielfältigen Spiegelungen und Brechungen von Licht. Überall farbige Lichtflecken.

25.7.12
Weiter an Collagen gearbeitet und in mein Verzeichnis eingetragen. Im SÍM House hat mir Lisa K. Blatt (www.lisakblatt.com) aus San Francisco ihre Arbeit gezeigt. Fotos und Videos von Wüsten, Antarktis. Hohe Qualität. Sie trifft hier Freunde und entwickelt neue Arbeiten. Sie hatte 2009 eine Ausstellung im Photography Museum of Reykjavik. Am Abend ein endloses Gespräch über die Psychologie zwischen Künstlern, Künstlern und Sammlern, Kuratoren. In der Stadt fällt mir auf, dass überall Reklame gemacht wird „Islandic Design“. Wie bei uns muss man kritisch bleiben. Viele von den Läden sehen aus wie Museumsshops oder durchschnittliche Modeboutiquen und wenn man Pech hat besteht das Design aus schräg abgeschnittenen Leggings und behäkelten Bachkieseln als Briefbeschwerer. Nur wenige Geschäfte halten ihren kühlen klaren Stil konsequent durch.

26.7.12
Tagsüber vergeblich versucht, mich auf Zeichnungen zu konzentrieren. Wollte eine Zeichnung machen, die sich auf die Beobachtung bezieht, dass in Reykjavik fast alle historischen Bronzestandbilder und -büsten auf pyramidenförmigen Sockeln stehen (stabiler wegen der Erdbebengefahr?). Ich wartete auf einen Anruf, dass ich von einem Handwerker mit aufs Land genommen werden sollte, wo ich Helgi Thorgils Fridjonssons Frau Magga Lisa treffen sollte, um mit ihr in das „Sommerhaus“ , den ehemaligen Bauernhof in Familienbesitz zu fahren. Letztlich verließ ich dann Reykjavik doch mit einem Linienbus in Richtung Stykkisholmur, wo Magga mir die wunderschöne Ortschaft mit dem Hafen zeigte. Auf der einen Seite Gletscher, auf der anderen Seite die Meeresbucht liegt das „Wassermuseum“ von Roni Horn auf einer Anhöhe. Ich konnte nur von außen in den Raum mit den Wassersäulen aus Gletscherwasser und zwei Tischen mit Schachbrettern schauen. Nach einer Fahrt von weiteren 2 Stunden über eine Pistenstrasse kamen wir an dem Küstenstreifen an, an dem Stykkisholmur gegenüber gelegen die Familie von Helgi seit je her Bauerngehöfte besitzt. Die letzte halbe Stunde an der Küstenstraße, war fast jedes Haus mit der Familie verbunden oder gehört Verwandten, die dort entweder noch Landwirtschaft betreiben oder Sommerhäuser für Lachsfischerei etc. haben. Im sehr kleinen Haus der beiden Freunde angekommen, war ich überwältigt von der Wechsel von wunderbaren Naturausblicken aus jedem Fenster (Meer, Gletscher, sonnenbeschienene Wolken im Abendrot, Mitternachtssonne) und den Kunstwerken, die zwischen den Fenstern hängen: Dieter Roth, David Reeder, Thomas Huber, Karin Kneffel, Jan Knap, Peter Angermann, Blalla W. Hallmann und einigen bekannten Isländern (z. B. Gylfi Gislason) im Original. Serigrafien von dem Holländer J. Halstein und Antonin Strizek („Antony“) Tim Butler und Persische Miniaturen, auf einer ist ein Reiter, dessen Pferd aus vielen anderen Tieren zusammengesetzt ist. Außerdem hängt ein ca. 5 × 4 cm großer Abzug von einer Original-Radierplatte von Rembrandt an der Wand, ein Selbsporträtkopf.

27.7.12
Heute wurde ich von Helgi Thorgils Fridjonsson in die aufregende Landschaft der Halbinsel mitgenommen, auf der sich sein Land befindet. Wir kamen zu winzigen, sehr schönen – vor allem schön gelegenen – Kirchen und Friedhöfen der Gegend. Zufällig trafen wir dort zwei Französische Touristinnen, von denen die eine in London, die andere in Amsterdam wohnt. Hier in der Einsamkeit Menschen zu treffen ist etwas Besonderes – man spricht miteinander. Zwischen gigantischen Bergen und dem Meer, das hier bei Flut um 4 Meter ansteigt, kamen wir an einem gewaltigen Damm mit Brücke durch den Fjord vorbei. Helgi erzählte, dass sein Vater diesen hat bauen lassen und dadurch der Gegend sehr zu schnelleren Verkehrsverbindungen verholfen hat. Er gab zu, dass sein Vater so eine Art „demokratischer kleiner König“ gewesen sei. Anschließend kamen wir zu einer ehemaligen Landwirtschaftsschule, deren Gebäude jetzt für Ausstellungen genutzt wird und sahen dort eine sehr schön installierte Gruppen-Ausstellung, die von Freiwilligen in mehreren verlassenen Häusern der Region organisiert wird (www.dalporogholar.nyp.is). Wir konnten wegen der Entfernungen nur den Teil in Olafsdalur sehen. Mir gefiel sehr die Arbeit von Cai Ulrich von Platen, der eine dänische Adresse hat (www.kunstonline.dk/profil/cai-ulrich-von-platen.php). Anschliessend zurück in Helgis Haus 2 Skizzen gemacht. Dabei war es durch den Wind bei 15 Grad gefühlte 12 Grad. In Stuttgart heute 37.