Texte von Holger Bunk

Forschungsbericht Wintersemester 2012/13
Tagebuch

22.8.12
Atelier aufräumen. In meinem Amsterdamer Farbenladen schaue ich nach feiner Leinwand, kaufe aber noch nicht, weil ich erst mit der Grundierung für Pastell auf Leinwand experimentieren muss. Besorge mir Ölkreiden und Papier und zwei Leporello-Bücher aus Thailand, die ich Leuten geben will, die ich zu der Ausstellung mit Ostasiatischen Harmonika-Büchern einladen werde. Ich schreibe für sie endlich den Text für die Einladung zur Ausstellung im kommenden Juni. Aber bevor ich ihn nach Tokio und Seoul schicke, muss er noch mal kontrolliert werden. Ich versuche zum zweiten Mal, eine größere Menge Harmonika-Bücher direkt in China zu bestellen. Ich hoffe, dass Tobias Zaft in Peking mir weiter helfen kann, und er antwortet auch, aber ich muss auf die genaue Information noch warten. Am Abend zufällig in einen Lüppertz-Fernsehfilm hinein geschaltet: Hier kann man Selbstlob und Selbstbewusstsein lernen.

23.8.12
Die neuen Zeichnungen mit Ölkreide unter Bleistiftlinien machen mir Spaß, und ich habe schon eine ganze Reihe gemacht, seit ich in Island dafür gelobt wurde. Aber heute ist erst mal der verwilderte Ateliergarten dran. Ich schneide bei gutem Wetter Unmengen von Bambus und Efeu ab, um besseres Licht zu haben. Habe drei kleine Leinwände in Arbeit, die ich nach Ratschlägen unseres Maltechnikers Enno Lehmann grundieren will, um darauf Pastelle zu zeichnen. Die Amsterdamer Künstlervereinigung Arti et Amicitiae will das Bild von Thomas Bechinger, das ich im Koffer hierher mitgenommen hatte noch nicht haben, weil dort noch umgebaut wird. Ich lagere es zwischen meinen Bildern im Atelier.

24.08.12
Die Zeichnungen in Ölkreide mit Bleistift gehen weiter. Die Leinwände für Pastelle machen mir viel Spaß, obwohl noch gar nichts drauf ist. Ich nehme mir endlich einmal die Zeit, mein Material sorgfältig selber zu präparieren statt fertig gekauftes zu verarbeiten. Das ist schon ein ganz anderer Vorgang, wenn man die Schichten der Grundierung langsam aufeinander legt und zwischendurch viel schleift. Die neue Grundierung nimmt bei ersten Versuchen die Kreidestriche gut an. Ich will sie aber erst einmal richtig durch trocknen lassen. Am Abend ein Essen mit dem Philosophen Johan Hartle und seiner Frau. Sie erzählen kritisch von der Dokumenta.

25.08.12
Fahrt zur Vernissage des Comiczeichners, Illustratoren und Professors (Kunsthochschule Kassel) Hendrik Dorgathen im Museum in Mülheim Ruhr. In der Eröffnungsrede beschreibt die ehemalige Direktorin der Kunstakademie in Kassel, Karin Stempel, sehr genau die unmittelbare Wirkung von seinen Zeichnungen und das niedrigschwellige ästhetische Angebot von Comics: Die Ausstellung ist umfangreich und sehr eindrucksvoll und heißt „Serious Pop“. Hendrik Dorgathen selbst weist darauf hin, dass ihn die Künstler seiner Stadt in seiner Jugend geprägt haben. Er nennt Popkünstler und Illustratoren wie Heinz Edelmann als Vorbilder. Aber zu meinem Erstaunen aber auch Max Beckmann. Logisch, da gibt es in den Bildern eine schwarze „Outline“. Ich unterhalte mich später auf der Party bei Hendrik Dorgathen mit der Mallorcinischen Comic-Celebrity „Max“ und Verena Knümann, die vor 12 Jahren den Arte-Film über unser Namibia-Projekt machte. Es sind sehr viele Freunde und Fans Dorgathens zu Gast, unter anderem der Schauspieler Joachim Król. Mit Karin Stempel spreche ich eine ganze Zeit über Isländische Künstler und die Dosierung des persönlichen Engagements in Hochschulen. Auf dem Weg zum Hotel Handelshof nach der Party erzählt uns ein Schauspieler, dass dort die Trauerfeier für Schlingensieff stattfand und in der Regel die Filmpremieren von Helge Schneider dort gefeiert werden.

26.08.12
Gabriele muss jetzt zur Hochschule nach Kassel, ich mache noch einen Umweg nach Düsseldorf. Ich besuche die Ateliers auf dem Höherweg. Im Atelier von Paul Schwer gab es viele Farbentwürfe für Rauminstallationen zu sehen. Er erzählte von seinem Lehrauftrag in Vietnam. Im Atelier von Pia Fries sind Arbeiten von Christoph Bucher zu einer guten und vielfältigen Ausstellung zusammengestellt. Ein spannender Kontrast zwischen den zurückhaltend farbigen und präzis kalkulierten Arbeiten Buchers und den starken Farben von Pia Fries. Die Düsseldorfer Ateliergemeinschaften sind eine gute Ergänzung zum Ausstellungsbetrieb der Stadt. Treffe ehemalige Studienkollegen, die mich freundlicher Weise zum Bahnhof bringen. Mit Verspätung komme ich nachts in Amsterdam an.

27.08.12
Ein vollgestopfter Montag: typisch, auch wenn ich nur 2 Tage weg war, hat sich wieder viel angesammelt. Organisatorisches und Zeichnungen gemacht. Die Leute werden sich wundern, denn in jeder Zeichnung tauchen jetzt Frauen auf. Hendrik Dorgathen zweimal im Radio gehört: Deutschlandradio und 1Live. Also wird seine Ausstellung gut publiziert.

28.08.12
Heute war die Arbeit im Atelier zäh. Ich scheue mich, die Pastelle mit meinen neuen Materialien zu beginnen. Hatte eine Idee, die mir aber so schwierig erscheint, dass ich erst mal noch eine Menge Bleistiftzeichnungen vorher machen will. Und dabei blieb es dann. Vielleicht klappt es morgen besser mit dem neuen Anfang.

29.08.12
Habe tatsächlich mit dem Pastell auf Leinwand begonnen und es geht besser als erwartet. Vorher musste ich erst einmal meinen Arbeitsplatz im Atelier umräumen und optimieren, damit alle Kreiden handlich daliegen konnten und das Licht stimmt. Hatte auch noch einmal über das Motiv nachgedacht und es vereinfacht. Das war sicher ganz gut. Wenn der Versuch mit den neuen Materialien klappt, dann wird das in der nächsten Zeit für meine Pläne ausschlaggebend sein. Den ganzen Tag mit wenigen Pausen gezeichnet. Abends war ich zum Essen bei Johan Hartle und lernte den Schwedischen Literaturkritiker Anders Johansson kennen. Mit ihm konnte ich kurz über meine Buch-Idee sprechen. Er erzählte, dass in Schweden gerade eine Welle von autobiografischen Männer-Romanen vorherrscht, in denen die Kerle ihr Leben zu monumentaler Wichtigkeit überhöhen. Er sieht diese Romane kritisch und fand meine Idee, die eigene Biografie zu relativieren oder sogar zu verunsichern interessant. Später redeten wir noch über Künstler mit „linker“ Botschaft: Andreas Siekmann, Alice Creischer und Dierk Schmidt. Andreas und Dierk haben ja auf meine Einladung vor längerer Zeit in Stuttgart Vorträge gehalten. Inzwischen habe ich kaum noch Kontakt zu ihnen und denke, dass sie mich zu bürgerlich finden.

30.08.12
Das erste Pastell auf Leinwand ist fertig. Für das, was ich vor habe, hatte ich eine etwas zu grobe Leinwand genommen. Ich habe die Zeichnung mit Spray fixiert. Und das Bild hat seine Farbintensität und Oberflächenstruktur voll behalten. Ob das klappen würde war spannend, aber jetzt kann ich größere Pastelle auf Leinwand planen. Die Papier-Pastelle waren immer in ihrem Format beschränkt, weil es das besondere Papier, das ich brauche, nicht größer gab. Prof. Saito, mein Projektpartner und Freund von der National University aus Tokio schreibt, dass er am 12. September in Amsterdam eintreffen wird, um dann als artist in residence in Leiden zu sein und anschließend ein eintägiges Seminar dort zu veranstalten. Ärgerlich, dass ich dieses Seminar nicht mit erleben kann, weil wir in Urlaub sein werden. Aber vielleicht klappt ein Treffen vor unserer Reise.

31.08.12
Professor Saito schreibt, dass er am Flughafen von einem Leidener Professoren abgeholt wird, ich überlege, wie ich ihn treffen kann, wenn so wenig Zeit ist. Arbeite im Atelier an Pastellen und kleinen Zeichnungen. Am Abend ist eine Bühne in der Sichtachse meines Atelierfensters aufgebaut. Erst erschrecke ich, weil ich dort nun laute störende Musik erwarte. Aber es kommt anders, die Musik ist zwar laut, aber es spielen verschiedene gute Jazz-Gruppen aus Amsterdam. Und so kann ich im Atelier auf eigenes Musikprogramm beim Arbeiten verzichten.