Texte von Holger Bunk

Forschungsbericht Wintersemester 2012/13
Tagebuch

Auf dem Weg nach Thingvellir sehen wir die Leitungen, durch die die natürliche Fernwärme nach Reykjavik geleitet wird. In der Felsspalte von Thingvellir war an einem Wasserfall ein Ölbild von Helgi wochenlang im Freien installiert, als letztes Jahr anlässlich des 1000-jährigen Jubiläums der Christianisierung Islands dort eine Reihe von isländischen zeitgenössischen Künstlern ausgestellt waren.

22.7.12
Wir fahren auf dem Weg zum Präsidentenhaus am Gedarsafu-Kopavogur Art Museum vorbei. Dort wird Helgi demnächst eine Ausstellung machen. Augenblicklich sind dort Gerthur Helgadottir mit Metallskulturen von 1950–1970 ausgestellt. Sie lebte in Island und Paris. Ihre Arbeiten sind kombiniert mit Skulpturen in farbigem Papiermaché von Svava Björnsdottir (ca. 1952 geboren). Anschließend nach Hafnaborg ins Hafnafjördur Art Museum, das aus seiner Sammlung Arbeiten von Eirikur Smith (abstrakter Expressionismus, Malerei) zeigt und eine Foto-Ausstellung von Hreinn Fridfinnsson, die drei seiner Arbeiten zeigt: Häuser, deren Innendekoration nach außen gedreht ist, die im Krater eines großen Meteoriteneinschlags stehen.
Die Architektur in Reykjavik ist kleinteilig. Kommt natürlich von der Kargheit der alten Fischer- und Bauernhäuser her, Paläste und Burgen existieren nicht als Bezugsgröße. Wie in Holland sieht man den Gebäuden die Handwerklichkeit an: die selben Zimmerleute, die Dachkonstruktionen machten bauten auch Boote. In den neueren Gebäuden sieht man farbig lackierte Metallplatten als Dach und Wandverkleidung auch an Wohngebäuden. Viel Metall wie im Schiffsbau. Die etwas älteren Wohngebäude und Geschäfte sind oft aus Beton.
Wir sehen das Museum of Living Art mit umfangreicher Sammlung von Dieter Roth. Um diese nachgelassenen Arbeiten herum entstand ein mehr als 30-jähriger Ausstellungsbetrieb. Augenblicklich eine Ausstellung mit 3 jungen Künstlern (Plattenteller in der Ecke für die anstehende Party). Einer von den Dreien ist ein Österreicher, der im Austausch hier ist und eigentlich Schüler von Daniel Richter in Wien ist. Er wusste, dass es eine Austauschstudentin aus Stuttgart in seiner Klasse gab, konnte sich aber nicht an den Namen erinnern. Nebenan ist die Gallery Listamenn mit Arbeiten von Erro (aus der Serie Japanischer Liebesbriefe), Gudmundur Gudmundsson, Dieter Roth und Helgi Thorgils Fridjonsson. Beim Abendessen zeigt mir Helgi einen Katalog von Stephen McKenna. Von ihm habe ich bisher noch nicht genug gesehen, obwohl er so interessant ist.

23.7.12
Eigentlich war der Plan, die Kunstmuseen Reykjaviks zu besuchen. Es passierte aber so viel, dass ich nur das Hafnarhús schaffte. Dort war die Ausstellung www.Independentpeople.is zu sehen. Ehrlich gesagt hat mich Vieles wegen der lieblosen Installation nicht interessiert. Einige Arbeiten schienen mir veraltet und nicht auf dem Stand der Dinge (wenn man z. B. die Arbeiten von Bernhard Kahrmann von 1999 kennt). Außerdem gab es Arbeiten die ähnlich wie das Werk von Georg Winter mit Phänomenen des Nicht-Vorhandenen und von unscheinbaren Objekten ausgelösten Vorstellungen spielen. Eine Arbeit in der es den Hinweis auf www.restkunst.net gab, machte sich über „Anatomie für Künstler“ und Aktzeichen-Bücher sowie Hans Holbein-Zeichnungen lustig. Ich kam auf die Idee einer Motivsammlung zum Thema: „Künstler und Kritiker machen sich über Aktzeichnen lustig, um up to date zu erscheinen“. Eine Wohnung aus gestrickten Wänden und Einrichtungsgegenständen war hing in einem leeren Saal – leider eine Bastelarbeit.
Viel interessanter war eine Ausstellung ausgewählter Zeichnungen von Erro. Aufschlussreich war der Beginn bei einem noch laienhaften Pointillismus 1944, skandinavisch anmutenden Stoffmustern von 1949–51, Aktstudien aus Oslo 1952–54, Zeichnungen nach Ravenna-Mosaiken (Bildzerlegung!) mit der Tendenz zum Holländer Escher, Skelettfiguren-gewimmel in Blättern der 50er Jahre aus Florenz, von denen es über geometrisch angeordnete Figuren bis zu den Wimmelbildern der Gegenwart geht.
Danach wollte ich eigentlich die beiden anderen Gebäude des Museums besuchen, aber ich bekam einen Anruf, dass die Mitarbeiterin des ASÌ Museums bereit ist, mich trotz ihrer Ferien in die Räume zu lassen, damit ich schon mal einen Blick in die Räume werfen kann, in denen die gemeinsame Ausstellung von Lars Ravn (Kopenhagen), Helgi Thorgils Fridjonsson (Reykjavik) und mir stattfinden soll. Auf dem Weg hatte ich noch Zeit für einen Blick in die imposante Halgrimskírkja (die größte Islands), am höchsten Punkt der Stadt gebaut vom Architekten Gudjón Samuelsson. Die Kirche ist erst 1986 fertig gestellt worden.
Das ASÍ-Museum befindet sich in einem Gebäude, das der Künstler Ásmundur Sveinsson für sich und den kleineren Raum für seine erste Frau baute. Dort bekam ich schnell einen Eindruck, wie wir die Ausstellung installieren sollten. Ich muss das nur noch mit den beiden anderen absprechen … Ásmundur Sveinsson heiratete ein zweites Mal und so entstand nach seiner Scheidung ein weiteres Gebäude, in dem nun sein Nachlass als Besitz des Reykjaviker Art Museums zu sehen ist. Dort hätte ich eigentlich noch hin gehen wollen, aber erneut kam ein Anruf, und Helgi Thorgil Fridjopnssons Frau Magga teilte mir mit, dass ich zu einer Eröffnung in einer Privatwohnung abgeholt werde, auf der ich viele Künstler treffen solle. Es handelte sich um die Wohnung eines isländischen Kunstkritikers und Theoretikers, der teilweise in Helsinki lebt. Ausgestellt waren Arbeiten von Ingolf Arnasson (abstrakte Malerei, sehr zurückhaltend ein graues Viereck an der Decke eines Raumes) und ein gerolltes Blatt Papier sowie eine Edition von 6 Büchern mit blauen Wohnungsgrundrissen von Solvei Adalsteindottir. Die Installation abgestimmt auf die Wohnungsarchitektur und den besonderen Lichteinfall des Wohnblocks des Staatsarchitekten Einar Sveinsson. Ich laufe aus dem Westen der Stadt durch Siedlungen mit funktionaler Betonarchitektur der 20er und 30er Jahre zurück in die Innenstadt und nach Hause. Abends ist noch ein wenig Zeit zum Sortieren der Handyfotos, Schreiben, Radiohören und Zeichnen.