Texte von Holger Bunk

Forschungsbericht Wintersemester 2012/13
Tagebuch

8.8.12
Neben dem Unterricht, in dem ich heute Bücher von Kerry James Marshal und Edouard Manet verwende, muss ich heute zu zwei Buffets und einem Vortrag mit Sponsoren des Kunstsommers. Da ist das Schwimmen im nahen Teich mittags mit Thomas Bechinger und Judith Samen eine sehr gute Pause.

9.8.12
Am Nachmittag war ich 2 Stunden bei den abstrakten Malern, dem Kurs  von Thomas Bechinger und er im Tausch in meiner „figurativen Klasse“. Das tat uns allen gut. Abends eine lange Besprechung aller Lehrer und Verwaltungsleute, damit wir bei der Abschlussausstellung am Ende nicht zu viel Energie und Zeit mit unnötigen Abstimmungsproblemen verbringen.

10.08.12
Gästebücher und Kataloge mit Zeichnungen und Widmungen zu versehen ist der eindeutige Hinweis darauf, dass der Kunstsommer sich der Abschlussausstellung nähert. Es gibt Anfragen, ob ich meine ausgestellten Bilder auch verkaufe.

11.08.12
Der letzte Tag der Kursarbeit. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer machen erstaunlicher Weise noch viele Arbeiten fertig. Alle sehr produktiv. Eine Reihe von Bemerkungen, dass unser Kurs besonders war: Es gab keine Rivalitäten oder Streitereien, was in anderen Jahren vorgekommen sei. Am Abend strömen viele Menschen in unsere Ausstellung der Ergebnisse. Vieles ist gut geworden und die Ausstellung kommt prima an. Ich nenne in der Vernissagenrede alle meine Teilnehmer mit Namen und erwähne auch, dass einige Arbeiten gemeinsam entstanden sind, was mir wichtig ist.

12.08.12
Am Morgen nach der Abschlussfeier ist die Ausstellung im Kloster Irsee schnell abgebaut. Die Kursleiter und die Organisatoren verabschieden sich voneinander, und uns wird dabei klar, dass wir eine gute Gruppe von Lehrenden waren und viele Teilnehmer sehr zufrieden nach Hause fahren. Im Zug nach Augsburg sitze ich zusammen mit einer Dame, die extra aus Bremen angereist war. Sie war unglücklich mit ihrem Kursleiter, der ihre literarischen Versuche nicht ernst genommen habe. Irgendwie gelingt es mir, sie darüber hinweg zu trösten, indem ich erzähle, wie ich ihren Kursleiter einschätze und dass er ja wohl auch kleine menschliche Schwächen hat. Sie verabschiedet sich lachend in Augsburg und in kann nach dieser intensiven Zeit nach Stuttgart zurück.

13.08.12
Gleich am Morgen kriege ich einen Arrzttermin wegen einiger Hitzepickel im Gesicht. In der Praxis hängt Kunst, Schon im Treppenhaus ein signiertes Plakat von Gerhard Richter. Im Behandlungszimmer hängt eine coole Arbeit von Karin Sander: zwei kreisförmige weiße Leinwände mit Schmutzspuren und Fingerabdrücken (wie von einer unachtsamen Handhabung). Konzeptkunst mit dem Anspruch Wahrnehmung zu schärfen ist hier gleichzeitig die diebische Freude und Ironie der Künstlerin. „Verkehrte Welt“: Der Arzt hängt sich Schmutzspuren an die Wand, das Kunstobjekt wird wertvoll durch die Schadensspuren. Am Abend erfahre ich von meiner Vermieterin im Treppenhaus Näheres über die renommierte Arztfamilie: dass der Vater meines Arztes mit über 90 Jahren noch medizinische Erfindungen macht und sein Onkel ein berühmter Regisseur war, der mit Romy Schneider gefilmt hat.
In der ferienartig leeren in Akademie Annahme des Rücktransports aus Irsee, stundenlanges Aufräumen im Atelier. Vorbesprechung eines Mauerdurchbruchs, der ärgerlicher Weise meinen Auszug aus dem Atelier während des Forschungssemesters erfordern wird.

14.08.12
Bevor ich in meine Semesterferien gehe und anschließend ins Forschungssemester, will ich mein Akademie-Atelier für meinen Vertreter Thomas Stricker vorbereiten und aufräumen. Wir stehen jetzt regelmäßig in Kontakt und bereiten schon die Vertretung an der Akademie in Stuttgart vor. Am morgen treffe ich einen jungen Italiener aus Palermo, der sich für das Studium interessiert und ich berate ihn bei einem Kaffee, was er machen kann, da er sich erfolglos um ein Stipendium beworben hat. Inzwischen habe ich ein Portfolio von Isabell Kamp nach Reykjavik geschickt und positive Reaktionen bekommen. Hoffentlich klappt es dort mit einer Ausstellung für sie. Bei einer Espresso-Pause spreche ich kurz mit den Osterwolds im Café vor der Akademie. Sie berichten mir von ihren Ausstellungen, ich von meinen. Der Maltechniker Enno Lehmann gibt mir Tips für die neuen Bilder, die ich bald malen will. Ich muss also noch Pigmente und Chemikalien einkaufen, bevor ich ins Amsterdamer Atelier gehe. Nachmittag und Abend gehen für das angefangene Pastell drauf, das ich fertig mache, um das dazu gehörige „Stillleben“ im Atelier wegräumen zu können. Bin erst nach Mitternacht fertig und fahre mit dem Miet-Bike durch die warme Sommernacht nach Haus.

15.08.12
Zu viert helfen mir Enno Lehmann und Studenten die riesige Papierrolle für das Aktzeichnen in den vierten Stock der Akademie zu hieven, weil dort kein Lift hin geht. Dann räumen die Studentischen Assistenten mit mir den ganzen Tag lang weiter das Atelier auf. Danach schaue ich noch die neuesten Bilder von Volker Kaufmann auf einem winzigen Kameramonitor an, weil seine Speicherkarte nicht zu meinem Rechner passen will. Beim Aufräumen haben wir eine Reihe von verschollenen Bunk-Bildern wieder gefunden; weil ich eines schön finde, nehme ich es mit dem Taxi nachts mit nach Hause.

16.08.12
Wie kann das nur sein? Der ganze Tag vergeht mit Organisatorischem und Büroarbeit. Entscheidungen fällen für die kommenden Wochen im Atelier. Kaufe Pigmente und Chemikalien für neue Bilder (auch maltechnisch neu). Mache an einer kleinen Zeichnung weiter, ohne sie fertig zu bekommen.

17.08.12
Wieder Aufräumen, Informationen suchen, etc. Ich schreibe an Nora Gomringer, die ich in der Sommerakademie kennen gelernt hatte. Ob sie mir mit meinem geplanten Buchprojekt weiterhilft?

18.08.12
Sie hat tatsächlich geantwortet und mir einige Fragen zu meiner Idee gestellt und Tips dazu gegeben. Aber vor allem schrieb sie, dass sie gerade die Biographie ihres Vaters als Graphic Novel herausgeben will, und sie fragt mich , ob ich mir vorstellen könnte, Illustrationen zu machen. Das klingt spannend und so werde ich ihr auch antworten. Mittags traf ich Daniel Schreiber von der Kunsthalle Tübingen in der Espresso-Bar gegenüber und er erzählte mir, dass auch er gute neue Verlage kennen gelernt hat. Mal sehen, diese Informationen und Kontakte können mir vielleicht helfen, wenn ich demnächst ein Buch plane. Stundenlang am Schreibtisch über Steuerunterlagen gebrütet, während draußen das Thermometer über 30 Grad kletterte.

19.08.12
Die Hitze macht das Kofferpacken für viele Wochen nicht leichter. Ich darf nichts vergessen, sonst muss ich wieder Sachen doppelt kaufen oder sogar noch mal reisen. Zig Mails müssen geschrieben werden, um Dinge für die Abwesenheit zu regeln. Abends schaffe ich es, eine Farbstiftzeichnung abzuschließen und  eine neue zu beginnen. Es sind jeweils Figuren auf den Blättern, die ich durch bis an den Figurenumriss stoßende Parallelschraffuren in einem abstrakten Bildraum verankern will. Der Hintergrund hat dadurch nur Struktur und Farbe, aber nicht die gleiche Bildrealität wie Figur und Gegenstände. Die zukünftigen Blätter sollen mit weniger Farben in Ölkreideflächen und Linien von Blei- und Farbstiften auskommen.

20.08.12
Verlasse Stuttgart mit einem frühen Zug und treffe mich mit Thomas Stricker, dem Vertreter für das Forschungssemester in Düsseldorf. Wir besprechen Details über die Verteilung der Arbeitsplätze der Studenten, Projekte und Veranstaltungen, die sich Thomas für die Studenten bereits ausgedacht hat. Wir diskutieren die neue Wohnarchitektur am ehemaligen Düsseldorfer Güterbahnhof. Thomas hat vor, mit den neuen Studenten in Stuttgart Spaziergänge und Debatten über die Ästhetik des Stadtraumes zu machen. Dann ist noch Zeit für einen kurzen Besuch in Thomas’ Atelier. Auf dem Weg dorthin erzählt er mir, dass er jetzt 3 Wochen zur Biennale von Shanghai reisen und dort Skulpturen machen wird. Im Atelier bin ich überrascht, dass Manfred Gliedt, ein Zeichner mit zahlreichen Kleinformaten, einen kleinen Raum bei Thomas hat. Ich bekomme einen kleinen Katalog mit seinen Zeichnungen: „Diary“. Gliedt ist regelmäßig Assistent bei größeren Projekten von Thomas. Der große Raum von Stricker hat über 200 Quadratmeter und ist fast völlig gefüllt mit Skulpturen. Auch hier bekomme ich ein kleines Heft: „Die Meteoritenwerkstatt von Thomas Stricker“ aus dem Jahr 2000. Leider muss ich ziemlich schnell weg, um meinen Zug nach Amsterdam zu bekommen. Der ist voller Ferienreisender. Bin schließlich sehr froh in meinem Atelier anzukommen und alles gut vorzufinden.

21.8.12
Wetterbericht sagt, dass es nachmittags regnen soll und wir beschließen auf dem Noordzee-Kanaal mit einem Tragflächenboot an den Strand zu fahren. Vorbei an imposanten neue Gebäude am Hafen, fahren wir Richtung Küste. Es ist beeindruckend wie die niederländischen Architekten die ausgedienten Hafenanlagen umgeformt haben und wie diese hippen Neubaugebiete auf der Fahrt langsam in die viel größeren Industriehäfen im Westen von Amsterdam übergehen. Das schlechte und kühlere Wetter kommt gar nicht und so wird es ein ganzer Tag am Strand mit Bad im Meer und leichtem Sonnenbrand. Nach dem Abendessen entsteht immerhin eine Zeichnung, mit der ich zufrieden bin.