Texte von Holger Bunk

Kathedrale und Bierdeckel
Gefälle zwischen Malerei und Illustration?

Aber auch wir Maler und Gestalter sind wie wir gesehen haben, potentielle Akteure im Spiel um Moral und Ideologie. Die Frage ist, auf welche Weise wir die professionelle Position reflektieren, offenlegen, teilen und vertreten können. Appell, Entlarvung, Spott, Moralischer Druck sind dabei Mittel der Distanzierung vom Gegnerischen, das sich aber möglicherweise nicht komplett bannen lässt. Es ist vielleicht sogar nötig, mit dem von uns identifizierten Gegner zu kohabitieren und eine mögliche Form der Koexistenz zu formulieren.

Wenn ich zum Ende in einer Art Kurzschluss versuche, aus der Perspektive von Žižek Argumentation auf unser Thema „Illustration und Malerei“ zu blicken, so lenkt er unseren Blick auf die hybriden Formen. Nähe und Verwandtschaft von Malerei und Illustration zu bekämpfen, statt zu reflektieren, hieße – um im Bild der Alien-Serie zu bleiben: Unbemerkt den angeblichen „Gegner“ schon in sich haben. Das Absolut-Setzen von Malerei, aber auch die trendig-modische Illustration ohne Kenntnis und Respekt vor Kunst und Bildkultur gehen dabei ins Leere. (Dazu gleich noch zwei Nachbemerkungen.) – Als ausgesprochene Schwäche des „Lagers der Malerei“ empfinde ich es, eine angeblich „richtige Malerei“ von offeneren, durchlässigeren, konzeptuellen oder hybriden Formen der Malerei abzugrenzen.

1. Nachbemerkung
Im Schlepptau der grossen Erfolge der Leipziger Schule konnte sich der Maler Michael Triegel Achtungserfolge wie Kunsthallenausstellungen, positive Rezensionen in der „Zeit“ und Aufträge vom Vatikan sichern. Dem Maler kann man hervorragendes Handwerk bescheinigen, aber es fehlt das Risiko. Beifall vom Laien – Publikum und Neo – Konservativen bekommt diese Malerei automatisch. Sie scheint nämlich perfekt zu illustrieren, dass dem institutionellen Kunstbetrieb die Achtung vor gerade der Sorte Können fehlt, die mehrheitsfähig wäre.

Mich verblüfft bei Triegel die platte Verwechslung eines Retro-Stiles mit der Erfindungskraft der Renaissancemaler. Nazarener und Präraffaeliten haben in vergleichbarer Weise – in einem ungeklärten Schwebezustand zwischen Ideologie und Glaubwürdigkeit – die Verehrung alter Malerei zelebriert.

Triegels Selbstinszenierung mit dem Bild eines verdeckten Kruzifixes, erscheint wie ein überdeutlicher Wink in Richtung des zu Beginn genannten Hans Sedlmayr und dem Gedanken vom „Verlust der Mitte“. Über seine Thematik fordert der Künstler ein Gefälle zwischen seiner Arbeit und dem Alltag, zwischen Kunst und Normalität ein und ist dabei doch Illustrator einer altbekannten kulturpessimistischen Idee.

2. Nachbemerkung
Raymond Pettibon zeigt in der Herbstausgabe des Magazins Electronic Beats zwischen Reportagen über HipHop und Musikfestivals zwei Blätter aus einem Bildband „Political Works 1975 – 2013“, herausgegeben von David Zwirner, Regen Projects und Hatje Cantz. In diesen Blättern von 2007 weist der Künstler auf die Verwandtschaft von Bin Ladens Aussagen mit denen bestimmter Republikanischer Politiker hin. Pettibon bekennt sich von seinen frühen Heften in billiger schwarzweiss-Kopie bis zu seinen heutigen Museums– und Galerieausstellungen zu der Kombination von Bild und Textmessage im Underground-Look. Er gehört durch seine Grafik für Musik-Alben von Black Flag und Sonic Youth zu den Künstlern, die in Musik– wie bildender Kunstszene bekannt sind.

Das Magazin Electronic Beats bildet ihn im T-Shirt mit Farbflecken ab, lässt ihn eine kritisch aufklärerische Haltung zum 11. September präsentieren und gibt ihm im Kontext der abgebildeten Musikszene ein kritisch–alternatives, unabhängig–radikales Image. Das Heft, für das ich im deutschen Zeitungskiosk bezahlen muss, das aber in Amsterdamer Szenecafés kostenlos ausliegt, wird von einem Konsortium aus Deutscher Telecom und Burda-Verlag verlegt, die beide verdienen werden, wenn Musikdownloads und Kunst erfolgreich sind. Damit sind wir am Ende meines Vortrages wieder beim Thema der komplexen Vermischung von Medien und widersprüchlicher Botschaften und somit genau da, wo wir uns aktuell befinden: Im Markt der Bilder und der Kunstpolitik.

Der Vortrag wurde im Rahmen von llustrations- Impuls gehalten, einer vom Melton Prior Institut mit organisierten Konferenz, die am 25. November 2014 an der Staatlichen  Akademie der Bildenden Künste Stuttgart stattfand.