Texte von Holger Bunk

Kathedrale und Bierdeckel
Gefälle zwischen Malerei und Illustration?

Ein solcher Schnelldurchlauf durch ausgewählte Figurendarstellungen soll nur die inspirierende Methode mit ihrem Reichtum an Querverweisen illustrieren. Sicherlich würden Kunsthistoriker eher die grossen historischen Umwälzungen und Paradigmenwechsel wie die französische Revolution und Industrialisierung in ihrer Auswirkung auf die Distanz von Kunst und Massenkultur hin untersuchen. Als Bilder-Hersteller kann ich mir dagegen die Perspektive eines anschaulichen Vergleiches, des Zitates und der „Weiterverarbeitung” auch über Epochen und historische Kontexte hinweg erlauben:

Wilhelm Busch / Holger Bunk
Wilhelm Busch 1832–1908 / Holger Bunk *1954
Wilhelm Busch / Neuruppiner Bilderbogen
Wilhelm Busch / Neuruppiner Bilderbogen Mitte 19. Jh.
Neuruppiner Bilderbogen / Neo Rauch
Neuruppiner Bilderbogen Mitte 19. Jh. / Neo Rauch

So wie ich bei einem meiner kleinen Blätter offensichtlich Jahre später eine Zeichnung von Wilhelm Busch als unbewusste Quelle entdeckte, könnten die vergleichende Ikonologie Bilder des bekanntesten Exponenten der „Leipziger Schule” Neo Rauch auf die auffallende Häufung von biedermeierlich-deutscher Kostümierung seiner Bildfiguren und eine eventuelle Verwandtschaft mit in der DDR verbreiteter Literatur über Neuruppiner und andere Bilderbogen hin untersuchen. Geht man noch einen Schritt weiter und analysiert seinen grossen Erfolg bei amerikanischen Sammlern, so geraten vielleicht auch Ikonologie, Bildaufbau und Farbigkeit der US- amerikanischen Superhelden-Comics in Sicht – eine visuelle Verwandtschaft, die zu Rauchs Erfolg beigetragen haben kann.

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Mich persönlich würde interessieren, inhaltlich andere Bildfolgen des Wandels zusammenstellen. Zum Beispiel über den Bildraum in der Malerei: Bildorganisation, Raumkonstruktion in der Fläche, bildinnere Rahmung, Nebenbilder im Bild, Layout, „split screen“, filmartige Sequenz und interaktive Navigation folgen ähnlich dramatischem und bezeichnendem Wandel. Aber das gezeigte Beispiel der Figurenbilder soll genügen und dafür stehen, dass Bildmotive eine komplexe Entwicklungsgeschichte durchlaufen.