Texte von Holger Bunk

Kathedrale und Bierdeckel
Gefälle zwischen Malerei und Illustration?

Im Folgenden möchte ich auf zeitgenössische künstlerische Positionen eingehen, die aus Gründen der Inhaltlichkeit auf populäre Bilderwelten und Illustration zugreifen. Es geht um Künstler, die ein Verständnis davon voraussetzen, dass mit medialen Ebenen gespielt wird. Letzteres schafft die Möglichkeit, sich mit einer visuellen Strategie in öffentliche Debatten einzumischen. Die rasante Veränderung von Medien und die Verfügung über Bilderzeugung werden dabei selbst zum Thema. Malerei und Illustration profitieren voneinander oder scheinen die Plätze zu tauschen. Im wahrsten Sinne kommt es zur gegenseitigen Reflexion.

Matthias Winzen formulierte über die Überlagerung von medialen Ebenen anlässlich der Ausstellung von Marlene Dumas´ Bildern in der Kunsthalle Baden-Baden sinngemäß: Marlene Dumas habe in der Serie der „Models“ ihre erstaunliche Fähigkeit bewiesen, durch Malerei aus maskenhaft-geschminkten und digital bearbeiteten Zeitungsabbildungen wieder Gesichter mit Emotionen zu machen, die auf der Ebene der Malerei „lebten“. Hier wurden demnach sterile Illustriertenfotos in intensive Bilder zurück verwandelt. So sehr ich dem zustimme, was Winzen dort insbesondere an der Serie der „Models“ beobachtete, bin ich bei der neueren Serie von Künstlerporträts kritisch:

Marlene Dumas: Models
Marlene Dumas „Models”

Bevor Dumas erstmals eine Porträtserie homosexueller Künstler auf der „Manifesta 2014“ in St. Petersburg zeigte, gab es bereits kritische Pressestimmen, die sich mit der jüngsten Gesetzgebung hinsichtlich Homosexualität in Russland auseinandersetzen, zu denen diese Portäts wie nachgelieferte Illustrationen wirken. Diese Blätter entfalten nicht die gleiche malerische Notwendigkeit wie diejenigen, die die high-end gestylten Models der Modeblätter transformieren. Ein Kommentar zu Bildmanipulationen an Models fällt klarer in die Kompetenz von Malerei. Dumas als in Europa lebende Südafrikanerin positioniert sich in ihren beiden Bilderserien in der politischen, interkulturellen und Gender – Debatte. Wenn der „malerische Blick“ Anlass für die Arbeit ist, wird das Ergebnis jedoch intensiver, als wenn die politische Haltung der Malerei eine illustrierende Rolle zuweist. Das Politische und Soziale, das Aufgreifen populärer Themen bringt Künstler in die Rolle des renommierten Vorkämpfers und kann ihm auf politischer Ebene die Aura des Engagements verschaffen. Aber tut er der Malerei einen Gefallen und brauchen wir ihn als Verkünder und Autorität?

Das Bild der demokratischen Kampagne und Popularität des Kandidaten Barak Obama wurde weltweit geprägt durch Shepard Fairey und seine wie mit Schablonen gesprayten flächigen Porträts. Nichts soll an repräsentative Kunst, malerischen Schmelz erinnern. Fairey schreckt allerdings weder vor Monumentalität, noch der imposanten Untersicht auf Gesichter zurück. Suggeriert wird große Direktheit und Einfachheit politischer Folklore.