Texte von Holger Bunk

Kathedrale und Bierdeckel
Gefälle zwischen Malerei und Illustration?

Typisch ist es, dass ein Teil seines Werkes aus sequenziellen Bildern und graphic novels besteht, die sich vor seiner späten Karriere zunächst an das Publikum ausserhalb der Kunstszene richteten. In dieser prägenden Nähe zum Populären ist das Werk Kerry James Marshalls authentischer als all die Vertreter des kalkulierten „Bad Painting”, die als Akademiker ihre Nähe zur Popularkultur durch Illustrations – Zitate wie abgemalte Kitschpostkarten oder sonstiges absichtlich „Geschmackloses“ unter Beweis stellen wollen.

Im Folgenden nun ein Beispiel einer jungen Illustratorin: „Miss Eve“ nennt sich Evelyn Wangui Gichuhi, eine junge Kenianische Illustratorin, die in den Klassen von Hendrik Dorgathen (Illustration) und Gabriele Franziska Götz (Visuelle Kommunikation) an der Kunstakademie in Kassel studierte. In ihrer Abschlussarbeit, einem Heft aus Bild und Text mit fundierter Quellenangabe kombiniert sie eine gezeichnete Geschichte mit Afrikanischen Werbebildern.
Thema ist die Konstruktion des neuen, scheinbar korrekten „Nicht-Rassismus“, unter Weissen, der völlig ohne Schwarze Theoretiker und „Person of Colour“ „auskommt“.

Für ein solch schwieriges Thema voller ethisch–politischer Fallen und Fettnäpfe wählt sie das sequenzielle Bild und komplettiert das Heft mit ihren Texten und Verweisen auf Literatur und Links. So schafft sie Transparenz und Erreichbarkeit für ihr Publikum: Ein solches Heft kann als „niedrigschwellige“ Produktion ein zugänglicher Beitrag zur Debatte werden.

Tafelbilder zu vergleichbaren Afrikanischen Themen, wie man sie etwa von Cherie Samba gesehen hat, wirken dem gegenüber eher wie Zwitter und müssen innerhalb seiner Thematik die Tradition des „wertvollen Bildes“ in einer Sammlung oder einem Museum erst etablieren.

Chérie Samba *1956
Chérie Samba *1956

Die von Cherie Samba benutzen Mengen von Text im gemalten Bild spiegeln im Versuch der Überbrückung das Gefälle zwischen „Wissendem“ und „Nicht-Wissendem“, zwischen gebildeter und unerfahrener Rezeption.

Ein letztes Afrikanisches Beispiel soll zeigen, dass kritische Themen in der Grafik und Illustration für die Kritisierten schmerzhafter, also in ihrer Wirkung treffender werden können als malerisch ausdifferenzierte Unikate in einer Kunstgalerie: Anton Kannemeyers „Alfabet of Democracy“, eine Folge aus losen satirischen Blättern, die auch als Buch gebunden heraus kam, prangert nach Apartheid und Mandela Missstände an und zeigt wenig schmeichelhafte Portäts der Verantwortlichen.

Anton Kannemeyer *1967
Anton Kannemeyer *1967

„Die Guten“ haben gesiegt und herrschen nun, – aber wie kann man nun Kritik formulieren, ohne rückwärtsgewandt zu sein? Seine an Hergé angelehnten Comic-Figuren scheinen in einer Welt eines zersplitterten, sich aber immer wieder neu formierenden Rassismus zu leben. Anton Kannemeyer gehört zu einem Team, das ein Comic-Blatt heraus gab, das politisch beobachtet und kommentiert. Hier ist keine künstlerisch-handschriftliche Individualität gefordert. Dennoch wurden Blätter aus Kannemeyers Serien auch in Kunst-Ausstellungen gezeigt und sind dadurch in gewissen Kreisen Kult geworden.

Holger Bunk – Fotomontage

Ich habe sein Buch „Alfabet of Democracy“ in einem meiner neueren Bilder verwendet. Der gelbe Suhrkamp-Band, der in dem Bild bei dem Kannemeyer-Bildband liegt, ist das Buch “Die politische Suspension des Ethischen” von Slavoj Žižek. Es ist eine Aufzählung und philosophische Einordnung zahlreicher historischer Verstösse gegen ethische Grundsätze aus übergeordneten Gründen – etwa nach dem Prinzip: „Krieg führen, damit die Gewalt aufhört“. In dem Buch wird gezeigt, in welchem Maße wir weltweit unter Umständen leben, in denen Widersprüche ausgehalten werden müssen. Widersprüche, an denen wir uns in Hoffnung auf Neuerung und Besserung kritisch und politisch werden abarbeiten müssen.

In Zizeks umfangreicher Analyse von Ideologie und Kultur steht unter anderem die britisch-amerikanische Serie der Alien-Filme für ein interessantes Phänomen. Im Film des Regisseurs Ridley Scott und 5 anderer Regisseure, sowie nicht weniger als 12 Drehbuchautoren, stellt die Heldin fest, dass nicht nur das All und Raumschiffe vom Fremden, vom unheimlichsten Gegner und härtesten Feind besiedelt sind, sondern letztlich auch sie selbst. Diese Erzählung soll den Blick auf uns selbst lenken. Unser Bedürfnis nach Grenzziehung lässt uns nicht immer erkennen, dass der Gegner nicht so fern ist, wie wir ihn haben wollen.

Smog auf dem Platz des Himmlischen Friedens Beijing, Zeitungsfoto 2014
Smog auf dem Platz des Himmlischen Friedens Beijing, Zeitungsfoto 2014

Beispiel: Wenn auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“, der auch ein Platz des Massakers ist, bei Smog LED-Bildschirme blauen Himmel und weiße Wolken zeigen, begreifen wir leicht, wie mit Worten und Bildern manipuliert wird, und beschweren uns über „Ideologie“. Ein Pressefoto in unserer Zeitung soll dies „offenlegen“, wir sollen uns fern von vermeintlich gegnerischer Manipulation positionieren.