Texte über Holger Bunk

Das »Regensburger Zimmer« von Holger Bunk und Peter Mell im Altmannischen Haus

Beide Künstler haben vor Beginn ihrer Arbeit im Kloster Weltenburg das System einer barocken Raumgestaltung eingehend studiert. Sie empfanden dies als notwendig, da für sie erstmals das Problem einer kompletten Raumausmalung zu bewältigen war. Es ist daher von Interesse, ob – außer dem Selbstporträt von Holger Bunk an der Decke – sich weitere Bezüge zu einer barocken Raumkonzeption finden lassen.

Ganz allgemein ist erst einmal eine Berücksichtigung von Raum und Auftraggeber festzustellen. Auch in der Barockzeit war der architektonisch vorgegebene Raum die „Stimmgabel“ für dessen künstlerische Ausgestaltung und es mussten – oft streng vorgeschriebene – profane oder religiöse Programme bildlich umgesetzt werden.

Es ist bemerkenswert, dass diese Vorgehensweise von Gegenwartskünstlern Anwendung findet und die mögliche Selbstdarstellung – es wurden vom Auftrag her keinerlei Auflagen gemacht – hintenangestellt wurde. Diese Vorgehensweise ist vielleicht mit ein Grund dafür, das die Malerei dieses Raumes trotz ihrer Vielgestaltigkeit nicht auseinander fällt, dass ein in sich geschlossener und stimmiger Eindruck vorherrscht, der um so deutlicher hervortritt, je länger man sich in diesem Raum aufhält und je intensiver man sich mit dieser Malerei beschäftigt.

Die Unterschiede zu einer barocken Raumgestaltung sind dennoch mit den Händen zu fassen: Präsentiert sich ein barocker Raum, auch wenn mehrere Künstler an seiner Ausgestaltung beteiligt waren, als ein einheitliches Ganzes, so sind hier die beiden verschiedenen künstlerischen Handschriften sofort ablesbar. Ist die barocke Gestaltung einer formal ablesbaren „großen Ordnung“ unterworfen (einheitliches, durchgehendes Dekorationssystem von der Säulenbasis bis zur Himmelsöffnung), so muss die Struktur dieses modernen Raumes erst einmal „entschlüsselt“ werden, bevor sie sich zu einem Ganzen fügt.

Auf die Probleme eines Zeitstils oder Individualstils soll in diesem Zusammenhang nicht näher eingegangen werden, aber es zeigt sich deutlich, dass zwar einheitliche Ausgangsüberlegungen bei der Arbeit der beiden Künstler eine Rolle spielten, aber ihre individuelle Handschrift von dominierender Wirkung bei der Ausführung bleibt.

Als Ergebnis der Zusammenarbeit von Holger Bunk und Peter Mell (Abb. 14) ist ein moderner Raum entstanden, in dem eigene Kunstprobleme reflektiert werden, wie z.B. die heutige Darstellbarkeit der menschlichen Figur oder die Wirkung von Farbstimmungen. Hinzu kommen individuelle Befindlichkeiten der Künstler selbst und ihre jeweiligen Reflektionen über die gegenwärtige Kunstproduktion. Es ist dadurch ein „freier“ Raum entstanden, jenseits von dekorativen Vorstellungen. Dieses Beispiel zeigt, dass auch in denkmalgeschützten Bauten aktuelle künstlerische Gestaltungen möglich sind.


  1. Es handelt sich um den südwestlich gelegenen Wohnraum im 2. OG dieses Gebäudes. Maße ca. 5,30 × 5,10 m, 2,80 m hoch. Das so genannte Altmannsche Haus ist ein bedeutendes, denkmalgeschütztes Patriziergebäude mit Bauteilen seit der Romanik. Von 1512–1612 befand sich hier die Reichsstädtische Münze, direkt neben dem Alten Rathaus gelegen. Literatur zuletzt: Denkmäler in Bayer, Bd. III.37, Stadt Regensburg, Hrsg. Michael Petzet, Regensburg 1997, S. 398.
  2. Ausstellungskatalog „Peter Mell. Übermalte Siebdrucke“, Städtisches Bodensee-Museum Friedrichshafen, 26. Mai – 26. Juni 1988. Text Lutz Tittel, Übermalte Siebdrucke von Peter Mell, S. 7–15. Siehe auch den Ausstellungskatalog „Peter Mell“, Museum Folkwang Essen, 20.11.1987 – 10.1.1988, mit Texten von Hartmut Riederer und Ulrich Krempel.
  3. Ausstellungskatalog „Peter Mell. Geheimnisse der Klarheit“, Galerie Schedle & Arpagaus Zürich und Galerie Bernd Lutze Friedrichshafen, Zürich und Friedrichshafen 1990. Text Lutz Tittel, Farbträume und Farbklänge, S. 9–23.
  4. Katalog Zürich und Friedrichshafen 1990 (Anm. 3), Text auf S. 4:

    „Fußboden, Wände, Decke Fenster, Türen
    gelb, ein völlig sonnengelber Raum.
    Einander gegenüber stehen am Boden zwei
    kelchförmige, aus Kleister und Seiden-
    papier gefertigte Gefäße. Ein rotes, gefüllt
    mit rotem Pigment, ein blaues gefüllt mit
    blauem.
    Die Größe der Gefäße richtet sich nach
    der Größe des Raumes: eher sind sie klein.
    Peter Mell, 13. Nov. 88“

  5. Holger Bunk und Peter Mell. Zusammenarbeit. Bilder und Objekte aus den Jahren 1993 und 1994, Galerie Rainer Wehr, Stuttgart 14.9. – 4.11.1994.
  6. Ausstellungskatalog „Holger Bunk“, Mannheimer Kunstverein 20.4. – 25.5.1986 und Spendhaus Reutlingen 29.6. – 10.8.1986 mit Texten von Friedrich W. Kasten, Anni Bardon und Stephan von Wiese. Ausstellungskatalog „Holger Bunk. Installationen“, Westfälischer Kunstverein Münster 6.7. – 26.8.1990 und Portikus Frankfurt am Main 2.3. – 7.4.1990 mit Texten von Friedrich Meschede und Gregor J. M. Weber. Zuletzt Ausstellungskatalog „Holger Bunk. Das Labor der Bilder“, Ulmer Museum 29.11.1998 – 10.1.1999 mit Texten von Brigitte Reinhardt, Friedrich Meschede und Mariska van den Berg.
  7. Auf die Wände wurde ein grundiertes Baumwollgewebe SG 1 (boesner) geklebt. Rollenmaß 1,50 × 10,0 m.
  8. Über die Arbeit der beiden Künstler hat der Verfasser eine Fotodokumentation angelegt, in welcher die täglichen Arbeitsschritte festgehalten wurden.