Texte über Holger Bunk

Das »Regensburger Zimmer« von Holger Bunk und Peter Mell im Altmannischen Haus

Nach Abschluss der Arbeiten schrieb Holger Bunk nachfolgenden Text in die Fotodokumentation8 über diesen Raum:

Regensburger Zimmer

Der Charakter des Raumes, die Tiefe der Tür- und Fensterlaibungen waren auch ohne Bemalung schon etwas Besonderes. Die Qualität des Raumes, die Dicke der Mauern (Festigkeit und Klima) sollten nicht durch Illusionen des Bildraumes überlagert werden. Die Farbigkeit durfte nicht Licht und Leichtigkeit wegnehmen. Trotzdem sind in der hellen Stimmung der Farben sehr dunkle Gewichte entstanden (= Massivität). Bildraum wie in der Landschaft hinter der Frauenfigur sollte die Flächigkeit der Wand nicht auflösen und ist deshalb wie in einer (schwarzweißen) Fotokollage zwischen farbige Partien eingesetzt. Das Gitter der laubenartigen Linien betont die Formen des Gebauten: Fenster, Decke und Wand, Raumecken, die Bäume machen ähnliche Linien. Schraffuren und transparente Farbschichten reagieren anders aufs Licht als dichte Flächen, damit der Raum nicht zugestrichen und von Farbfeldern zugebaut, von Bildgegenständen vollgestellt oder von Linien umklammert erscheint.

H.(olger) B.(unk) 1.9.95 City of Rainsburgh

Es erscheint erst einmal sinnvoll zu sein, auf die Gesamtstruktur dieses voll ausgemalten Raumes einzugehen, denn überwältigt von seiner Vielfarbigkeit mit den starken Einzelakzenten erschließt sie sich einem unbefangenen Betrachter nicht sofort Eine zentralperspektivische, einem einheitlichen System folgende Anordnung der einzelnen Teile der Ausmalung ist nicht festzustellen. Dennoch gibt es „Raumöffnungen“ (abgesehen von der Tür und den Fenstern), wie bei der Vaginaform, der Architekturmalerei und dem landschaftlichen Hintergrund hinter der Frauenfigur. Sehr geschickt ist die Architekturmalerei platziert, welche in gleicher Höhe der Türöffnung und der gegenüberliegenden Wand durch perspektivische Andeutungen diese Wand aufbricht und so beim Eintritt in den Raum kein beengtes Gefühl aufkommen lässt. Diese wenigen gemalten „Öffnungen“ stellen aber den geschlossenen Charakter der Wände nicht in Frage. Anders die Decke. Das helle Blau um die gelbe Deckenscheibe suggeriert eine Himmelsstruktur, eine Öffnung nach oben. Dieses Blau wird teilweise in die Wände hineingezogen und der Raum wirkt dadurch, trotz seiner starken, teils dunklen und schweren Flächen an den Wänden, nicht beengt. Die Massivität der raumumschließenden Mauern bleibt spürbar, die Malerei erdrückt nicht den Raum. Das ist ein erstaunliches Phänomen. Eine raffinierte Lichtinszenierung, ein weiteres Mittel zur Erzeugung tiefenräumlicher Wirkung, ist mehrfach anzutreffen. Sie tritt nicht den ganzen Raum organisierend auf, sondern eher lokal, an die jeweilige Darstellung gebunden. So bei der Frau inklusive Kugel mit Buch und Landschaftsdarstellung, wo das Licht von der Fensterseite hereinfallend angedeutet ist. Ebenso, aber noch mehr zurückgenommen, bei der Männergruppe gegenüber, während die Türfigur ein geheimnisvolles Licht von rechts, außerhalb des Raumes erhält. Schließlich wirft das Gitter bei der ovalen Deckenöffnung noch kleine Schlagschatten, die auf eine Lichtquelle von oberhalb der Deckenplatte verweisen. Der Deckenbalken wiederum hat eine verschattete, dunklere Seite, wobei die Lichtquelle hierfür nicht eindeutig auszumachen ist.

Eine besondere Rolle bei der Lichtinszenierung nimmt selbstverständlich die Fensterfront des Raumes ein Es ist dabei aufschlussreich zu sehen, wie die dunkleren Farben der östlichen Fensterlaibung (Peter Mell) diese kleiner erscheinen lassen, und die helleren Farben beim gleichgroßen westlichen Fenster (Holger Bunk) diese optisch vergrößern. Und noch eine weitere, folgenreiche Gestaltung weisen die Fensterlaibungen auf: Beim östlichen Fenster ist die der aufgehenden Sonne gegenüberliegende Seite unten gelb angemalt, beim westlichen Fenster die der untergehenden Sonne gegenüberliegende Seite unten vergoldet. Diese Flächen reflektieren das Sonnenlicht und werfen je nach Sonnenstand ein geheimnisvolles Licht auf die gemalten Wände. Durch diesen „Lichttrick“ der Künstler ergibt sich eine Lebendigkeit und ständig wechselnde Erlebbarkeit des Raumes!

Kompositionell ist die Malerei des Raumes vollkommen durchstrukturiert. An der Fensterwand ist bis in die Fensterbankhöhe eine Sockelzone gegeben, die noch einmal mit der Farbigkeit der Fassade der aus den Fenstern zu sehenden gegenüberliegenden Neuen Waag korrespondiert. Diese „Sockelzone“ wird indirekt an der Ost- und Westwand fortgeführt, in dem sich im unteren Bereich dieser Wände große Flächen befinden. Die Figuren (bis auf die Türfigur, die aber in Höhe der Sockelzonen mit einem tieferen Blau einen abgestuften Hintergrund aufweist) befinden sich über dieser Zone. Das hat einen praktischen Grund, denn durch eine Möblierung des Raumes (momentan ein großer Tisch mit Bestuhlung in der Raummitte) werden die unteren Wandpartien teils verdeckt oder überschnitten. Durch die gewählte Anordnung bleiben die „Hauptattraktionen“ voll sichtbar, auch bei wechselnden Möblierungen.

Die Anfangsidee des illusionistischen Lattenrostes (Abb. 3) ist modifiziert beibehalten worden. Es liegt nun eine durchgängige Struktur vor, welche die figürlichen Teile der Ost- und Westwand verbindet: Von der Kugel, auf welcher die Frau sitzt, steigen Latten auf, die über das Lattengerüst an der Decke die Verbindung zum Baum der Fensterfront geben. Ein Seitenast des Baumes berührt das von einer Astgabel getragene Lattengerüst, von dem wiederum die Vaginaform über eine Latte die Linie zum kahlen Baum der Westwand weiterführt, der die dortige männliche Figurengruppe einbindet. In einem durchgängigen Ablauf verbindet demnach Holger Bunk seine Figurengruppen, während der Zusammenhang der Farbflächen und der Architekturmalerei von Peter Mell über den Himmel der Decke erfolgt. So gesehen existieren zwei „Raumschichten“, eine vordere, ab den Fenstern entlanggehend, die Holger Bunk zuzuweisen ist, und eine hintere Raumschicht mit der Deckenbrücke, die zu Peter Mell gehört. Innerhalb der Malbereiche gibt es jeweils kleine „Einsprengsel“ des anderen Künstlers: Die Türfigur, das Selbstbildnis und die Deckenbalkenkonsole von Holger Bunk im „Bereich“ von Peter Mell, die Eckmalerei hinter der Frau auf der Kugel, die Sockelpartie der Fensterwand und die östliche Fensterlaibung von Peter Mell im „Bereich“ von Holger Bunk. Es findet sozusagen ein „fairer“ Ausgleich statt, der zeigt, dass beide Künstler in Harmonie miteinander gearbeitet haben und keiner den anderen „ausstechen“ wollte. Das Experiment, zwei unterschiedliche Künstlertemperamente mit einer gemeinsamen Raumausmalung zu beauftragen, kann als geglückt angesehen werden. Es zeigt sich, dass die Ausmalung dieses Raumes, obwohl der erste Eindruck dem entgegensteht, von der Sockelzone über den figürlichen Bereich bis zur Deckenzone in einer durchgehenden, in sich logischen Abfolge, aufgebaut ist.