Texte über Holger Bunk

Das »Regensburger Zimmer« von Holger Bunk und Peter Mell im Altmannischen Haus

Bevor nun eine zusammenfassende Analyse versucht wird, sollen noch einmal die Künstler zu Wort kommen, die sich im Abstand von 3 Jahren nochmals zu ihrer Arbeit äußerten. Holger Bunk schrieb am 07.03.1999 an den Verfasser dieses Beitrags:

„Die ersten Ideen für das ‚Regensburger Zimmer‘ entstanden beinahe automatisch durch die Übereinkunft von Peter Mell und Holger Bunk, den Charakter und die Nutzung des Raumes bestehen zu lassen und durch die Ausmalung eher zu unterstreichen als zu verändern.

Die für die Regensburger Altstadt typische Bauweise des Zimmers mit tiefen Fenster- und Türleibungen, sowie einer niedrigen Deckenhöhe sollte benutzt werden. Durch Farbflächen und Bildaufbau der figurativen Teile sollten die realen Dimensionen für das Auge und das Gefühl nicht verloren gehen. Aber gleichzeitig sollte der Raum als Studier- und Wohnkammer eines Kunsthistorikers auch illusionistische Elemente erhalten, die für die Öffnung der Vorstellungskraft, die Phantasie stehen und die auf die Gegenstände kunsthistorischer Tätigkeit des Benutzers des Raumes anspielen.

In den verschiedenen Malweisen von Bunk und Mell treten Bildebenen und verschiedener Farbgebrauch miteinander in Konkurrenz, wie Gedanken in einem Gespräch, das in einem solchen Raum stattfinden kann. Der Raum ist Ort von Kontemplation und Konzentration, ist aber auch vorstellbar für Gesprächs- und Tafelrunden. Der Kunsthistoriker nimmt seine sinnliche Wahrnehmung, seine Beobachtung zum Anlass, darüber zu denken und zu schreiben. Die selbst gewählte Spannung zwischen Sinneseindruck, Sinnlichkeit, Sinnesgenuss und intellektueller Strenge des Kunsthistorikers wurde Thema des ausgemalten Raumes.

Die Reaktion auf die bestehenden Dimensionen des Zimmers, das Ausbalancieren von ‚schweren‘ und ‚leichten‘ Flächen, ‚aktiven‘ und ‚zurückhaltenden‘ Farben, von dichtem und transparentem Farbauftrag, von fragmentierten und in sich abgeschlossenen Bildteilen entsprechen dieser Spannung von Sinnen und Intellekt, die das Geschehene zum Ausgangspunkt fürs Denken macht, das Denken zum Maßstab des Gesehenen. In ähnlicher Verschränkung sind die Motive der Raumausmalung aufeinander bezogen und sollen eine Dynamik der Betrachtung in Gang setzen.

Der Raum als Teil eines Gebäudes, das wiederum Teil eines besonderen Stadtraumes ist, wird durch die perspektivisch und gleichzeitig flächig gemalten Architekturmotive Peter Mells gezeigt. Durch die Malweise und die rote Farbigkeit der gemalten Bauwerke ist ihre Darstellung optisch verbunden mit den konkreten roten und auch den andersfarbigen Malereifeldern an der Wand, die die Flächigkeit betonen und dadurch das Gegengewicht zu den illusionistischen Partien der Malerei bilden.
Die Figuren der Wandmalerei sind nicht direkt lesbar in ihren Gesten oder ihrer Symbolik, sie handeln jedoch allesamt von der Ambivalenz oder sogar der Gefährdung der Erkennbarkeit und der Erkenntnis (Erkenntnis als Ziel der kunstgeschichtlichen Betrachtungen, aber auch darüber hinaus).

Die mysteriöse Figur, die sich hinter der Tür am Eingang des Raumes verbirgt und dort erst beim Hinausgehen bemerkt wird, ist in der Farbigkeit reduziert auf ein Schwarz mit rotem Schlagschattten aus einer Lichtquelle, die nicht erkennbar ist. Sie kann in ihrer Passivität als unberechenbar erscheinen. Sie hat keinen Halt in einem perspektivischen Bildraum, außer einer winzigen – nur angedeuteten – Sitzfläche, die die Situation der Figur als völlig künstlich ausweist.

Für Willkür und ebenfalls Künstlichkeit (einer puren Erfindung) steht die Figurengruppe von zwei in schwarz-weiß gemalten Männerfiguren, die sich gegenseitig etwas anzutun scheinen, ohne das deutlich wird, was es ist und ob es im Ernst geschieht.

Neben der üppigen Blondine an der gegenüberliegenden Wand liegt – gemalt wie sie – auf einem Stein von Findlingsformat Arno Schmidts Buch ‚belphegor‘, das sich in der Bibliothek des Auftraggebers wie auch des Malers Holger Bunk findet. Es handelt von teilweise vergessenen Geistesgrößen, die ohne Zweifel mit ihren Studien und ihren geistigen Errungenschaften zum wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt beigetragen haben, allerdings ohne ihrer Umgebung den Gefallen zu tun, nach Konventionen zu leben und ihren Drang nach Forschung in irgendeiner Form diesen unterzuordnen. Der Untertitel des Buches ‚oder wie ich euch hasse‘ weist auf das schwierige Verhältnis dieser geistig tätigen Individuen zur Gesellschaft hin, die das neue Wissen nicht gerade immer freudig aufnimmt. Im Kontext der Raumausmalung in Regensburg kann man den Buchtitel auf die parallele Situation des dort intellektuell Tätigen beziehen, der vielleicht die Privilegien eines angenehmen Raumes, einer Bibliothek oder sonstiger Versorgung genießt, aber mit seiner geistigen Produktion nicht auf Verständnis rechnen kann.

Die ‚Blondine‘ entspricht – demgegenüber eher tröstend – den von Arno Schmidt in anderen seiner Werke immer wieder beschriebenen Frauen, die ihn als erklärten Denker unruhig machten und vor Augen führten, dass bei aller Denkerei, allem Fortschritt durch Intellekt, auch Sinnlichkeit und Körperlichkeit die geistige Dynamik des Menschen mitbestimmen.“

Am 15.03.99 schrieb Peter Mell folgende Zeilen:

„Zum Regensburger Zimmer

Also Holger nahm 3 Tage frei und fuhr nach Amsterdam. Ich nahm 5 Tage frei, weil meine Farbflächen ja schneller gemalt waren als Holgers wahrlich wunderbar altmeisterliche Illusionsmalerei. Er braucht einfach immer länger für alles. Seine Ergebnisse waren natürlich zwangsläufig immer viel schöner als meine, zumindest meint man das anfänglich. Sich ändernde Anschauungsmethoden werden auch das wieder ändern. Als ich unvorbereitet unser Malzimmer betreten hatte, mich umdrehte zur Türwand, saß der Hieb! Sie war blond, drall, zärtlich, geil. Was war 3 Tage lang los gewesen? So eine wundervoll Zerstrobelte hatte er noch nie gemalt, ihm glückten sonst doch meist die großen, knochigen Jungs in kurzen, schwarzen Turnhosen. Eine Welle der Wärme überflutete mich, eifersüchtig: So ein schönes Wochenende hatte er gehabt? Sofort machte ich mich gegenüber der Blonden an meine brennende Stadt, errichtete einen Turm, eindeutig inspiriert von Holgers erigiertem Schwanz und somit zum Gelungensten gehörend, was mir in diesem Zimmer gelang (abgesehen vielleicht vom grauen Rechteck in der Nähe der beiden Jungs mit dem Knüppel, wo ich beim Malen ganz bei mir war).“