Texte von Holger Bunk

Hinfahrt Rückfahrt
Im Zug gleich aufgeschrieben

Zum ersten Mal lande ich für die letzte halbe Stunde der Reise in einem ICE mit Videomonitoren. Es „gibt“ einen amerikanischen Familienfilm. Blass wirkende Durchschnittseltern mit einem halbwüchsigen Sohn und zwei jüngeren Sprösslingen. Während viele Mitreisende so müde sind, dass sie einschlafen, sieht man auf dem Monitor eine Szene, in der sich das Ehepaar im dunklen Schlafzimmer im Bett liegend unterhält. kurz drauf ist schon wieder der nächste Tag, die Kinder sind proper angezogen und übertreiben ihre Schauspielerei mit schrecklich manierierten Gesten. Auch ohne Ton merkt man sofort: das altkluge Getue der kleinen Kinder soll witzig wirken und die hilflosen Erwachsenen sollen auch komisch sein. Im Zug sind um diese Zeit keine Kinder mehr.

Im Bahnhof Frankfurt Flughafen muss ich eingeschlafen sein. Als ich kurz darauf aus dem Dämmerzustand auftauche, ist es wegen der quakenden englischen Kinderstimme. Vor mir hat sich eine Mutter mit einem blonden Mädchen an einen Tisch gesetzt. Ich sehe die Spiegelung des Kindergesichtes. Ich bin begeistert von dem offenen Blick. Alles was draußen zu sehen ist, scheint nicht nur angeschaut sondern auch im Kopf verarbeitet zu werden. Die Schienenstränge, die Landschaft, Häuser und Strassen rasen durch die ‘Spiegelung dieses Gesichtes, die ich sehen kann. Erst später merke ich, dass insgesamt drei Kinder da sitzen. Noch ein anderes Mädchen, ein wenig älter, mit sorgfältig geflochtenen Strähnchen und der jüngste – ein kleiner Bruder, ebenfalls blond, der unbedingt alles nachmachen will, was die größeren Mädchen machen und etwas zu essen haben will: “I’m still hungry”. Was ich lange nicht mehr gesehen habe ist, dass die Mutter die Kinder ermahnt, leise zu sein.

Gegenüber sitzen zwei „Senioren“ in der sommerlichen Version der üblichen Beigetöne gekleidet. Sie liest eine Zeitung mit Riesenbuchstaben: „Fischer holt Frau Wallert raus!“, er füllt ein Kreuzworträtsel auf hellblauem Zeitungspapier aus. Nach einer Weile erkundigt sie sich bei ihm: „Hast Du’s schon fertig?“ – „Nein, gleich erst.“

Ich sitze auf dem letzten Platz des Großraumwagens und sehe den ganzen Gang entlang. Ein junger Mann mit kurzem blonden Bürstenschnitt und Jeansjacke kommt entlang auf mich zu und geht an mir vorbei in den nächsten Wagen weiter. Eine Minute später kommt aus dieser Richtung eine gleich große Frau mit langen Haaren und hat auch so eine Jeansjacke an. Wie wenn sie sie hinter meinem Rücken getauscht hätten.

Im Speisewagen arbeitet ein junger Kellner, dessen Gesicht (mit tiefliegenden Augen) an einen gemalten leidenden oder sogar toten Christus erinnert. Am Oberarm hat er eine Tätowierung, die ich, neugierig wie ich bin, gerne sehen würde, aber sie ist von kurzärmeligen Sommerhemd verdeckt. Das einzige, was ich am unteren Rand davon sehen kann, sind drei perspektivisch angeordnete Kubusformen. Sie erinnern an Dalis Gekreuzigten.

Eine Junge Frau, die ich erst nur von hinten sehen kann, sieht altmodisch und konservativ gekleidet aus, strenge Frisur, aber nicht besonders zurechtgemacht. trotzdem beschäftigt sie sich ständig mit ihrem mobilen Telefon, ruft an oder bekommt Anrufe: Sie erzählt von ihren Kreislaufproblemen. Morgen wird sie zur Blutabnahme zu einem Arzt gehen. Als sie sich später umdreht, greift sie sich an die Stirn, sieht leidend aus. Aber ihr Leiden wirkt hysterisch übertrieben oder sogar gespielt. Sie ist nicht blass.

Eine rothaarige Mutter in einem mit Rosenblütenmuster bedrucktem Shirt lässt ihren Vierjährigen sitzen und geht zu Speisewagen. Der ruft hinter ihr her: „Mama, gib mir Geld“. Sie antwortet über die Schulter „Wozu? Setz dich!“ und verlässt den Waggon.

Als eine Frau mit zwei Ohrringen im Ohrläppchen und mehreren Fingerringen vor mir Platz nimmt, fällt mir ein, was ich vor einer Stunde in der Zeitung gelesen habe: In England hat eine Frau durch ein Zungenpiercing 2 Liter Blut verloren und musste im Krankenhaus eine Infusion bekommen.

Als wir am Düsseldorfer S-Bahnof Wehrhahn vorbei fahren, an dem vor 3 Tagen ein brutaler Sprengstoffanschlag stattfand, von dem man noch keinen Hintergrund kennt, sitze ich im Speisewagen und bin erstaunt, dass niemand heraus schaut oder überhaupt nur reagiert. Ich hatte mir die Kommentare der Mitreisenden vorher schon ausgemalt.

Im Speisewagen setzt sich ein Englisch sprechendes Paar auf eine einladende Handbewegung des schon dort Sitzenden an einen Vierertisch. Sie kommen „aus den Bergen bei LA“ Die zwei Männer gehen auf die Achtzig zu, die Frau ist etwa Sechzig. Sie erzählen, dass sie bis Kopenhagen gefahren sind, aber dann umgekehrt, weil die schwedische Bahn keine Fahrräder mitnimmt. Statt einer Antwort weist der Alleinreisende aus dem Fenster und sagt: “Atom-Power-Station! It is closed down!” Die beiden Amerikaner versuchen zu verstehen: “It is not good any more? No!No! Very good. It is Politik! Sozialismus!”

Als ich in einen holländischen Sonnenuntergang hineinfahre hängen zwischen Windmühlenflügeln und Hochspannungsleitungen viele Heißluftballons im goldenen Himmel. Ein Fahrgast mit österreichischen Tonfall schreit: „Oh , Schau mal, wie schön, Luftballons!“ Ein anderer ruft: „Ja, Foto!“

Im Ruhrgebiet sitzen sich zwei Girly – typ – girls (Nasenringe) gegenüber: „Und wie habt ihr Euch dann kennengelernt?“ „Wir kannten uns eigentlich schon. Aber wir konnten uns überhaupt nicht ausstehen. Und dann vor einem Monat auf einer Party – das genaue Gegenteil – aber von beiden Seiten!“

Im Speisewagen treffen Leute aufeinander, die sich offensichtlich schon kennen. Sie frotzeln miteinander und nehmen wahrscheinlich ein Gespräch von vorher in anderer Umgebung wieder auf: „Vielleicht solltest Du ein Buch schreiben“, sagt der dicke Herr zu seiner Bekannten am Tisch auf der anderen Gangseite, „mit dem Titel – wie sagt man da? – ein Leitfaden mit zehn Kapiteln: wie mache ich mein Leben zur Hölle.“ „Ja, sagt sie, wie gehe ich meiner Umgebung am wenigsten auf die Nerven“. „Nein! Wie gehe ich zu Grunde? – zehn Tips zum sicheren Untergang“. „Ja, oder wie störe ich möglichst wenig in meinem Bekanntenkreis.“