Texte von Holger Bunk

Forschungsbericht Wintersemester 2012/13
Tagebuch

Vorbemerkung

Dieser „Forschungsbericht“ gibt die Ereignisse eines guten halben Jahres wieder, insofern sie über die individuelle künstlerische Arbeit hinaus exemplarisch über den Atelierbetrieb eines Malers Auskunft geben können (mit anderen Worten: allzu Privates wurde weggelassen). Außenstehende, aber auch Studierende der künstlerischen Fächer können sich die Alltäglichkeit des Arbeitens nicht oder nicht gut vorstellen, weil sie von den Mythen und der image-mäßig gefärbten Version der Vorgänge der Kunstproduktion überstrahlt werden. In vielen Gesprächen mit Studierenden ist zu bemerken, dass als künstlerische Arbeit das eigentliche „Werk“ angesehen wird, weil es veröffentlicht wird, während die Recherche, die Herstellung von Kontexten, die organisatorische Arbeit mit ihren (gelegentlich zermürbend banalen Inhalten und Wiederholungen) übersehen wird. Was aber der tatsächliche Arbeitsanfall ist, was viel Zeit verbraucht, wo die inspirierenden neuen Informationen her kommen und wen man dafür braucht, wird vielleicht in der Aufzeichnung der hier protokollierten Tagesereignisse und in den dazu gemachten Fotos spürbar. Letztere sind ein Teil des „visuellen Tagebuches“, das ansonsten nicht für ein Publikum bestimmt, ständig anwächst und zusammen mit Zeitschriftenfotos und anderen aus dem Alltag gegriffenen Bild-Fundstücken Quelle von Bild-Ideen wird.

 

Holger Bunk »Holger Bunk – Forschungsbericht 2012–2013« (2012)
Forschungsbericht Holger Bunk 2012–13, Cover (Digitaldruck)

Ziemlich abrupt und untypisch beginnen die Aufzeichnungen in Reykjavik, wo ich zum ersten Mal war; eingeladen zu einer Museumsausstellung, deren Termine vorgegeben waren, sodass ich nach nur kurzer Vorbereitungszeit Hals über Kopf ins Flugzeug stieg und mich dort zurecht finden musste:

20.7.12
In Helgi Thorgils Fridjonssons Atelier am Rand der Innenstadt von Reykjavik. Ein Privileg diese Menge von Bildern zu sehen. Hier müsste ich jetzt einen Aufsatz über seine Bilder schreiben. Der müsste seine Farben, den kultivierten differenzierten Strich in Beziehung zu seinen komplexen Motiven setzen. Das wird ein Buch, wenn man es gründlich machen will. Aber ich begreife intuitiv, dass Helgi eine große Bedeutung für mich bekommt, je mehr ich von ihm sehe. Sehr klug aufgebaute Bildräume mit dieser unter einer Naivität versteckten wunderbaren Beobachtungsgabe.

21.7.12
Helgi Thorgils Fridjonsson holt mich ab und will mir das Tal von Thingvellir, die älteste Thingstätte und damit den ältesten Ort eines Parlamentes zeigen. Auf dem Weg dahin kommen wir beim Pferdezüchter und Kunstsammler Gunnar Dungal vorbei, der zwar nicht zu Hause ist, aber seine Frau lässt uns herein und wir können das weitläufige Haus sehen, das voller guter Kunstwerke hängt. Besonders gute Ölbilder hat der Sammler von Odd Nerdrum, der eine phantastische Technik in der Ölmalerei besitzt. Die Themen der Bilder sind Selbstinszenierungen des Künstlers, altmeisterliche gemalte verrückte Szenen, die den Vorwand für Selbstporträts bieten. (Odd Nerdrum ist von Geburt Norweger, nahm die Isländische Nationalität an, als er hier lange lebte und scheint jetzt wieder in Norwegen zu sein.) Tolle leuchtende Farben und dicke Krusten heben sich von brauner toniger Malerei ab. Die Selbstporträts, die ich später im Katalog sehe haben was Unangenehmes und zwar nicht lediglich Schräges: Es geht in Richtung Dachschaden. Trotzdem bewundernswerte Maltechnik.
Die Gattin des Sammlers ist Bildhauerin, wir dürfen ihr neu gebautes, aber überfülltes Atelier sehen in dem jede Menge von Arbeiten aus verschiedensten Materialien und Fundstücken stehen. Sie schenkt mir 2 Kataloge, aus denen ich sehen kann, dass sie mit Jessica Stockholder ausgestellt hat (in der Sammlung des Ehepaares Dungal hängt eine ungewöhnlich malerisch-bildhafte Arbeit von ihr.

Auf dem Weg nach Thingvellir sehen wir die Leitungen, durch die die natürliche Fernwärme nach Reykjavik geleitet wird. In der Felsspalte von Thingvellir war an einem Wasserfall ein Ölbild von Helgi wochenlang im Freien installiert, als letztes Jahr anlässlich des 1000-jährigen Jubiläums der Christianisierung Islands dort eine Reihe von isländischen zeitgenössischen Künstlern ausgestellt waren.

22.7.12
Wir fahren auf dem Weg zum Präsidentenhaus am Gedarsafu-Kopavogur Art Museum vorbei. Dort wird Helgi demnächst eine Ausstellung machen. Augenblicklich sind dort Gerthur Helgadottir mit Metallskulturen von 1950–1970 ausgestellt. Sie lebte in Island und Paris. Ihre Arbeiten sind kombiniert mit Skulpturen in farbigem Papiermaché von Svava Björnsdottir (ca. 1952 geboren). Anschließend nach Hafnaborg ins Hafnafjördur Art Museum, das aus seiner Sammlung Arbeiten von Eirikur Smith (abstrakter Expressionismus, Malerei) zeigt und eine Foto-Ausstellung von Hreinn Fridfinnsson, die drei seiner Arbeiten zeigt: Häuser, deren Innendekoration nach außen gedreht ist, die im Krater eines großen Meteoriteneinschlags stehen.
Die Architektur in Reykjavik ist kleinteilig. Kommt natürlich von der Kargheit der alten Fischer- und Bauernhäuser her, Paläste und Burgen existieren nicht als Bezugsgröße. Wie in Holland sieht man den Gebäuden die Handwerklichkeit an: die selben Zimmerleute, die Dachkonstruktionen machten bauten auch Boote. In den neueren Gebäuden sieht man farbig lackierte Metallplatten als Dach und Wandverkleidung auch an Wohngebäuden. Viel Metall wie im Schiffsbau. Die etwas älteren Wohngebäude und Geschäfte sind oft aus Beton.
Wir sehen das Museum of Living Art mit umfangreicher Sammlung von Dieter Roth. Um diese nachgelassenen Arbeiten herum entstand ein mehr als 30-jähriger Ausstellungsbetrieb. Augenblicklich eine Ausstellung mit 3 jungen Künstlern (Plattenteller in der Ecke für die anstehende Party). Einer von den Dreien ist ein Österreicher, der im Austausch hier ist und eigentlich Schüler von Daniel Richter in Wien ist. Er wusste, dass es eine Austauschstudentin aus Stuttgart in seiner Klasse gab, konnte sich aber nicht an den Namen erinnern. Nebenan ist die Gallery Listamenn mit Arbeiten von Erro (aus der Serie Japanischer Liebesbriefe), Gudmundur Gudmundsson, Dieter Roth und Helgi Thorgils Fridjonsson. Beim Abendessen zeigt mir Helgi einen Katalog von Stephen McKenna. Von ihm habe ich bisher noch nicht genug gesehen, obwohl er so interessant ist.

23.7.12
Eigentlich war der Plan, die Kunstmuseen Reykjaviks zu besuchen. Es passierte aber so viel, dass ich nur das Hafnarhús schaffte. Dort war die Ausstellung www.Independentpeople.is zu sehen. Ehrlich gesagt hat mich Vieles wegen der lieblosen Installation nicht interessiert. Einige Arbeiten schienen mir veraltet und nicht auf dem Stand der Dinge (wenn man z. B. die Arbeiten von Bernhard Kahrmann von 1999 kennt). Außerdem gab es Arbeiten die ähnlich wie das Werk von Georg Winter mit Phänomenen des Nicht-Vorhandenen und von unscheinbaren Objekten ausgelösten Vorstellungen spielen. Eine Arbeit in der es den Hinweis auf www.restkunst.net gab, machte sich über „Anatomie für Künstler“ und Aktzeichen-Bücher sowie Hans Holbein-Zeichnungen lustig. Ich kam auf die Idee einer Motivsammlung zum Thema: „Künstler und Kritiker machen sich über Aktzeichnen lustig, um up to date zu erscheinen“. Eine Wohnung aus gestrickten Wänden und Einrichtungsgegenständen war hing in einem leeren Saal – leider eine Bastelarbeit.
Viel interessanter war eine Ausstellung ausgewählter Zeichnungen von Erro. Aufschlussreich war der Beginn bei einem noch laienhaften Pointillismus 1944, skandinavisch anmutenden Stoffmustern von 1949–51, Aktstudien aus Oslo 1952–54, Zeichnungen nach Ravenna-Mosaiken (Bildzerlegung!) mit der Tendenz zum Holländer Escher, Skelettfiguren-gewimmel in Blättern der 50er Jahre aus Florenz, von denen es über geometrisch angeordnete Figuren bis zu den Wimmelbildern der Gegenwart geht.
Danach wollte ich eigentlich die beiden anderen Gebäude des Museums besuchen, aber ich bekam einen Anruf, dass die Mitarbeiterin des ASÌ Museums bereit ist, mich trotz ihrer Ferien in die Räume zu lassen, damit ich schon mal einen Blick in die Räume werfen kann, in denen die gemeinsame Ausstellung von Lars Ravn (Kopenhagen), Helgi Thorgils Fridjonsson (Reykjavik) und mir stattfinden soll. Auf dem Weg hatte ich noch Zeit für einen Blick in die imposante Halgrimskírkja (die größte Islands), am höchsten Punkt der Stadt gebaut vom Architekten Gudjón Samuelsson. Die Kirche ist erst 1986 fertig gestellt worden.
Das ASÍ-Museum befindet sich in einem Gebäude, das der Künstler Ásmundur Sveinsson für sich und den kleineren Raum für seine erste Frau baute. Dort bekam ich schnell einen Eindruck, wie wir die Ausstellung installieren sollten. Ich muss das nur noch mit den beiden anderen absprechen … Ásmundur Sveinsson heiratete ein zweites Mal und so entstand nach seiner Scheidung ein weiteres Gebäude, in dem nun sein Nachlass als Besitz des Reykjaviker Art Museums zu sehen ist. Dort hätte ich eigentlich noch hin gehen wollen, aber erneut kam ein Anruf, und Helgi Thorgil Fridjopnssons Frau Magga teilte mir mit, dass ich zu einer Eröffnung in einer Privatwohnung abgeholt werde, auf der ich viele Künstler treffen solle. Es handelte sich um die Wohnung eines isländischen Kunstkritikers und Theoretikers, der teilweise in Helsinki lebt. Ausgestellt waren Arbeiten von Ingolf Arnasson (abstrakte Malerei, sehr zurückhaltend ein graues Viereck an der Decke eines Raumes) und ein gerolltes Blatt Papier sowie eine Edition von 6 Büchern mit blauen Wohnungsgrundrissen von Solvei Adalsteindottir. Die Installation abgestimmt auf die Wohnungsarchitektur und den besonderen Lichteinfall des Wohnblocks des Staatsarchitekten Einar Sveinsson. Ich laufe aus dem Westen der Stadt durch Siedlungen mit funktionaler Betonarchitektur der 20er und 30er Jahre zurück in die Innenstadt und nach Hause. Abends ist noch ein wenig Zeit zum Sortieren der Handyfotos, Schreiben, Radiohören und Zeichnen.

24.7.12
Heute habe ich eine Reihe von Collagen fertig gemacht, deshalb war fast keine Zeit für Anderes und „Besichtigungen“ habe ich nur am Rande von Besorgungen in der Stadt gemacht. Im SÌM House der Künstlervereinigung (www.icelandicartcenter.is), in dem ich wohne, ist außerdem ein ständiger Wechsel von Gästen. Hatte ein Gespräch mit Joan Pearlman aus Los Angeles (www.jaonperlman.com). Sie hat eine Nacht hier übernachtet und macht Malereien und Videoarbeiten über die geologischen Strukturen Islands. In der Stadt sah ich eine Kirche, die auf ersten Blick wie Skandinavisches Holz aussah, an de Roststellen konnte man aber sehen, das sie aus Wellblech besteht. Größer als Kirchen sind in der Stadt Theater und ehemalige oder noch funktionierende Kinos. Das sind die großen Gebäude der Stadt aus den 20er, 30er Jahren des letzen Jahrhunderts. Sie müssen die Stadt damals stark geprägt haben. Gegenüber der Innenstadt prominent am Hafen gelegen das Kulturzentrum Harpa, das für Konzerte und Ausstellungen genutzt wird. Die Glasfassade, von Elafur Eliasson mit einem Dänisch-Isländischen Architektenteam entworfen, funkelt bei Sonnenlicht wegen der Nutzung polarisierten Lichts in verschiedenen Farben. Clever hat Eliasson Teile seiner wabenförmigen Geometrie-Elemente auch als Skulpturen vermarktet. So war auch eine solche Skulptur bei den Sammlern zu sehen, die ich am 2 . Tag in Island besuchen konnte. Innen spielt das Gebäude mit schwarzem Sichtbeton und Naturstein als Kontrast zu vielfältigen Spiegelungen und Brechungen von Licht. Überall farbige Lichtflecken.

25.7.12
Weiter an Collagen gearbeitet und in mein Verzeichnis eingetragen. Im SÍM House hat mir Lisa K. Blatt (www.lisakblatt.com) aus San Francisco ihre Arbeit gezeigt. Fotos und Videos von Wüsten, Antarktis. Hohe Qualität. Sie trifft hier Freunde und entwickelt neue Arbeiten. Sie hatte 2009 eine Ausstellung im Photography Museum of Reykjavik. Am Abend ein endloses Gespräch über die Psychologie zwischen Künstlern, Künstlern und Sammlern, Kuratoren. In der Stadt fällt mir auf, dass überall Reklame gemacht wird „Islandic Design“. Wie bei uns muss man kritisch bleiben. Viele von den Läden sehen aus wie Museumsshops oder durchschnittliche Modeboutiquen und wenn man Pech hat besteht das Design aus schräg abgeschnittenen Leggings und behäkelten Bachkieseln als Briefbeschwerer. Nur wenige Geschäfte halten ihren kühlen klaren Stil konsequent durch.

26.7.12
Tagsüber vergeblich versucht, mich auf Zeichnungen zu konzentrieren. Wollte eine Zeichnung machen, die sich auf die Beobachtung bezieht, dass in Reykjavik fast alle historischen Bronzestandbilder und -büsten auf pyramidenförmigen Sockeln stehen (stabiler wegen der Erdbebengefahr?). Ich wartete auf einen Anruf, dass ich von einem Handwerker mit aufs Land genommen werden sollte, wo ich Helgi Thorgils Fridjonssons Frau Magga Lisa treffen sollte, um mit ihr in das „Sommerhaus“ , den ehemaligen Bauernhof in Familienbesitz zu fahren. Letztlich verließ ich dann Reykjavik doch mit einem Linienbus in Richtung Stykkisholmur, wo Magga mir die wunderschöne Ortschaft mit dem Hafen zeigte. Auf der einen Seite Gletscher, auf der anderen Seite die Meeresbucht liegt das „Wassermuseum“ von Roni Horn auf einer Anhöhe. Ich konnte nur von außen in den Raum mit den Wassersäulen aus Gletscherwasser und zwei Tischen mit Schachbrettern schauen. Nach einer Fahrt von weiteren 2 Stunden über eine Pistenstrasse kamen wir an dem Küstenstreifen an, an dem Stykkisholmur gegenüber gelegen die Familie von Helgi seit je her Bauerngehöfte besitzt. Die letzte halbe Stunde an der Küstenstraße, war fast jedes Haus mit der Familie verbunden oder gehört Verwandten, die dort entweder noch Landwirtschaft betreiben oder Sommerhäuser für Lachsfischerei etc. haben. Im sehr kleinen Haus der beiden Freunde angekommen, war ich überwältigt von der Wechsel von wunderbaren Naturausblicken aus jedem Fenster (Meer, Gletscher, sonnenbeschienene Wolken im Abendrot, Mitternachtssonne) und den Kunstwerken, die zwischen den Fenstern hängen: Dieter Roth, David Reeder, Thomas Huber, Karin Kneffel, Jan Knap, Peter Angermann, Blalla W. Hallmann und einigen bekannten Isländern (z. B. Gylfi Gislason) im Original. Serigrafien von dem Holländer J. Halstein und Antonin Strizek („Antony“) Tim Butler und Persische Miniaturen, auf einer ist ein Reiter, dessen Pferd aus vielen anderen Tieren zusammengesetzt ist. Außerdem hängt ein ca. 5 × 4 cm großer Abzug von einer Original-Radierplatte von Rembrandt an der Wand, ein Selbsporträtkopf.

27.7.12
Heute wurde ich von Helgi Thorgils Fridjonsson in die aufregende Landschaft der Halbinsel mitgenommen, auf der sich sein Land befindet. Wir kamen zu winzigen, sehr schönen – vor allem schön gelegenen – Kirchen und Friedhöfen der Gegend. Zufällig trafen wir dort zwei Französische Touristinnen, von denen die eine in London, die andere in Amsterdam wohnt. Hier in der Einsamkeit Menschen zu treffen ist etwas Besonderes – man spricht miteinander. Zwischen gigantischen Bergen und dem Meer, das hier bei Flut um 4 Meter ansteigt, kamen wir an einem gewaltigen Damm mit Brücke durch den Fjord vorbei. Helgi erzählte, dass sein Vater diesen hat bauen lassen und dadurch der Gegend sehr zu schnelleren Verkehrsverbindungen verholfen hat. Er gab zu, dass sein Vater so eine Art „demokratischer kleiner König“ gewesen sei. Anschließend kamen wir zu einer ehemaligen Landwirtschaftsschule, deren Gebäude jetzt für Ausstellungen genutzt wird und sahen dort eine sehr schön installierte Gruppen-Ausstellung, die von Freiwilligen in mehreren verlassenen Häusern der Region organisiert wird (www.dalporogholar.nyp.is). Wir konnten wegen der Entfernungen nur den Teil in Olafsdalur sehen. Mir gefiel sehr die Arbeit von Cai Ulrich von Platen, der eine dänische Adresse hat (www.kunstonline.dk/profil/cai-ulrich-von-platen.php). Anschliessend zurück in Helgis Haus 2 Skizzen gemacht. Dabei war es durch den Wind bei 15 Grad gefühlte 12 Grad. In Stuttgart heute 37.

28.7.12
Eine kleine Wanderung gemacht. Erst über ein Stück Pistenstraße zu einer Brücke mit Blick ins glasklare Wasser. Helgi sah mit geübtem Auge, dass heute keine Lachse da sind. Dann zum Meeresufer, wo er mir den essbaren Seetang zeigte und 5-6 Seehunde, die er versuchte zur rufen. Weil sie neugierig sind, kommen sie dann manchmal angeschwommen. Unsere Seehunde waren aber zu faul dafür. Neulich muss ein Orca bis hierher geschwommen sein und hat hier einige Seehunde erwischt, was ein grausames Schauspiel ist, von dem mir auch Helgis Frau Magga Lisa schon erzählt hatte. Dann kletterten wir in der wunderbar warmen Sonne auf einen kleinen sehr felsigen Berg. Ein Gespräch über „Vampirotheutis“ von Vilem Flusser zwischen wilden Blaubeeren und Pilzen. Auf dem Weg zur Spitze des Berges konnte ich Helgi kaum folgen, der hier so schnell schlendert, wie wenn er auf einem flachen Gehsteig läuft. Ich dagegen rutsche ab, stolpere und weiß im Gestrüpp nicht wo hin treten. Von oben natürlich wunderbare Aussicht auf den Fjord, die gegenüberliegende Seite mit den vielen Inseln und Stykkisholmur. Wieder zu Hause Gespräche über Amelie von Wulfen, Bernd Koberling und Kataloge von Sean Landers, Robert Devriendt und Stephen MacKenna (Ich muss mal überprüfen, ob von diesem wunderbaren Koloristen mit seinen vereinfachten Gegenstandsformen ein guter Katalog in der Akademiebibliothek vorhanden ist). Heute vier Zeichnungen gemacht. Ölkreide und Bleistift. Bin sogar zufrieden damit.

29.7.12
Wattwanderung im Hvammsfjördur, Helgi erzählt mir, dass dies schon immer einer reiche Gegend gewesen ist, wegen der Aufkommen an Fisch und der Fruchtbarkeit des Hinterlandes. Er empfiehlt mir in einem Gespräch Slavoj Žižek, den ich noch nicht gelesen habe und von dem ein dickes Buch in Isländischer Übersetzung auf seinem Tisch liegt. Rückfahrt nach Reykjavik. Vorbereitung für den Ausstellungsaufbau im ASÌ- Museum, der morgen losgehen soll

30.7.12
Heute sind nicht nur die Arbeiten an der Aufhängung unserer Ausstellung losgegangen, sonder auch eine Reihe sehr internationaler Nachrichten eingetroffen: Thomas Stricker schreibt mir zwei Mal aus Trinidad-Tobago und wir überlegen, ob wir Helgi kommendes Frühjahr mit nach Namibia nehmen können. Eine Mail: Mein Bildertransport zur Sommerakademie in Irsee scheint geklappt zu haben. Dann meldet sich ein Student aus Rom, der eine Adresse aus Stuttgart braucht, weil er vielleicht ein Bild verkaufen kann. Ich lerne die Museumsdirektorin kennen, die uns großzügiger Weise fast das gesamte Museum zur Verfügung stellt. Ich hänge meine sechs großen Pastelle im ASÌ Museum auf und wir beschließen, dass wir drei Teilnehmer der Ausstellung in einem fensterlosen Ausstellungsraum eine gemeinsame Wandzeichnung machen wie bereits vor Jahren in Kopenhagen. Abends Skypen mit Amsterdam.

31.7.12
Mit meinem Beitrag zu der gemeinsamen Zeichnung nicht nur angefangen, sondern auch fertig geworden. Ist sehr erzählerisch aber auch surrealistisch geworden: 2 Figuren eine fast lebensgroß mit flatterndem Schlips. In den Händen eine Art Bild mit Blasen-Struktur, wie ich sie hier in erkaltetem Lavagestein gesehen habe, in der anderen Hand einen Teller, von dem so etwas wie ein flüssiger Lava – Brei tropft. Während des gemeinsamen Arbeitens fällt mir auf, dass sich meine Striche beim Zeichnen mit Grafitstift viel rhythmischer und regelmäßiger anhören, als die von Helgi, der eine schräg kopfstehende Figur mit einem Lachs auf dem Rücken über die Wand „rutschen“ lässt. Seine Figur entsteht aus eher gekritzelten Linien – Zusammenballungen, während ich Volumen und Oberflächenlicht meiner Gegenstände durch die Intensität des Druckes mit dem Stift und die Form beschreibende Schraffurlagen erzeugen möchte. Helgi braucht deutlich mehr Kraft und erzeugt dadurch sehr schwarze Stellen, bei mir sieht es toniger aus. Mir kommt dabei die Idee, dass wir unser unterschiedliches Arbeitsgeräusch aufnehmen könnten und in der Ausstellung abspielen. Lars Ravn hat sicher noch ein anderes Verfahren, wie er seine Zeichnung macht. Meine zweite Figur hat ein Buch und ein Bild von einer sechseckigen Säule in der Hand und steht zwischen Basaltsäulen, von denen es hier viele gibt und die auch in der benachbarten Halgrimskírkja nachgebildet sind. Eine weitere Basaltsäule in einer Ecke, neben der eine Eiche wächst. Dies wohl, weil Helgi und ich uns in der Pause über die vom morgen anreisenden Lars Ravn zu erwartenden Hasenfiguren unterhalten haben. Als Helgi nach der Bedeutung der Hasen fragte, meinte ich mich an den Bezug zu Beuys und Dürer zu erinnern. Helgi meinte, das sei ja klar, demnach kann man hier beim Kunstpublikum wohl damit rechnen, dass Anspielungen auf diese deutschen Künstler funktionieren. Wir haben beschlossen, bei der Hängung zu probieren, ob wir eine Mischung von lose gehängten Blättern und gerahmten Arbeiten hinbekommen. Innerhalb von weniger als einem Tag organisiert Helgi für mich die Rahmung von 8 meiner Arbeiten. Die gerahmten Collagen sehen hineingestreut in meinem Block aus 5 × 5 Collagen prima aus. Im Café lerne ich Kristján Steingrímur Jónsson kennen, den Dean des Department of Fine Arts der Iceland Academy of the Arts. Er meint, ich solle bei meinem nächsten Besuch in Reykjavik unbedingt in dieser Partnerschule vorbei kommen, die allerdings jetzt gerade wegen Ferien geschlossen ist (was ich wusste – deshalb habe ich diesmal ausnahmsweise keine Kontaktaufnahme geplant). Ein ehemaliger Schüler von Helgi hat eine Galerie im Basement eines Design-Ladens eröffnet. Dort sehn wir uns die Ausstellung von einem Isländer an, der bei Katharina Grosse in Berlin Weißensee studiert hat. Die kleine Ausstellung ist nicht nur gut, sondern auch noch lustig: pinkelnde Figuren in wässeriger Tusche, geschnitzte bemalte Köpfe und Figuren symmetrisch um ein obskuren braunen Pokal angeordnet, der eher erdbraun aussieht statt zu glänzen.
Helgi hat unter seinen tagebuchartig entstehenden Blättern auch etliche, in denen er Zeitungsartikel übermalt und dabei Teile von Text oder Fotos stehen lässt. Eine Arbeit zeigt Amy Winehouse, und er erzählt mir, dass er vor lauter Tabloid – Gerüchten in den Zeitungen nicht geglaubt hatte, dass sie außer Opfer von Skandalberichten auch eine gute Sängerin sein könnte. Erst nach vielen Horrorgeschichten hat er sie singen gehört und gemerkt, dass er ihre Musik kräftig und erstaunlich fand. Ich habe auch meine Amy-Winehouse Geschichte: Als sie vor gut einem Jahr starb, war gerade die Rundgangausstellung und wir Kollegen bei Prof. Büttner eingeladen. Dort sitze ich mit einem Stück Torte zwischen Akademiekollegen, die sich seit 10 Minuten über die „arme Amy“ unterhalten. Als ich mich schließlich einmische und sage, dass ich hier eher erwartet hätte, dass man sich über den kürzlichen Tod von Lucian Freud unterhält, ernte ich Unverständnis: eine Kollegin meint, dass sie ihn gar nicht richtig kennen würde. Helgi lacht über meine Geschichte und meint in seiner ruhigen Art, es sei schließlich meine Aufgabe, so was an „meiner Schule“ zu ändern.

1.8.12
Vormittags mache ich Listen von meinen ausgestellten Blättern mit Titel und Preisangabe für das Museum, Verschönerungsarbeiten an der Aufhängung. Zwei Zeilen von Zeichnungen werden im dunkleren unteren Ausstellungsraum gehängt. Am Nachmittag kommt Lars Ravn aus Kopenhagen, der Dritte von uns. Aus versehen hat man kein Zimmer mehr für ihn, und ich muss alles aufräumen, damit für die eine Nacht, die wir zusammen in einem Zimmer verbringen müssen auch genug Platz ist. Eigentlich ganz gut, denn so muss ich meinen Koffer frühzeitig packen.
Lars Ravn ist mit unseren Vorbereitungen im Museum zum Glück einverstanden, wir müssen nichts umhängen. Um so mehr wird der einzige Abend von uns Dreien zusammen in Helgi Thorgils Friedjonssons Wohnung, gleichzeitig Ausstellungsraum „Corridor“ gefeiert. Helgi hat einen Freund, den Künstler Birgir Snaebjörn Birgisson eingeladen, und es gibt ein Festessen: Den von Helgi selbst geangelten großen Lachs. Wir machen weitere Pläne für die Ausstellung im Museum und eine weitere Ausstellung von Lars und mir im „Corridor“. Die Ausstellungen dort werden gut dokumentiert und sicherlich von vielen Leuten gesehen, denn es gibt kaum einen Künstler in Reykjavik, der so gut vernetzt ist wie Helgi. Ich schlage vor, dass meine ehemalige Schülerin Isabell Kamp aus Hamburg ein Portfolio schickt. Helgi ist interessiert, denn er sucht eventuell Leute für eine Ausstellung im „Corridor“. Nachts im gemeinsamen Zimmer breitet Lars seine mitgebrachten Schätze auf meinem Bett aus: Am Computer gezeichnete Bilder ausgedruckt auf Collagen und bemalten Papieren. Übereinander liegende Strukturen, aber vor allem: Junge Damen in nicht ganz unschuldigen Posen.

2.8.12
Im Museum stimmen wir am Morgen die Auswahl der vielen Einzelarbeiten ab, damit die Show für den Besucher ein Ganzes ergibt. Lars überrascht immer wieder mit klaren und witzigen Einfällen. Im unteren Raum mit den Zeichnungen werden die Beiden eine Hängung aus vielen kleinen Einzelblättern versuchen, die als Außenform so etwas wie einen Baum-Umriss ergibt. Dafür will Lars die Blätter sogar überlappend hängen. Ich bin gespannt. Es gibt noch einen gemeinsamen Termin mit einem Zeitungsfotografen, und die Museumsdirektorin unterhält sich lange mit mir. Sie wird morgen nach Berlin fliegen und fragt mich nach interessanten Galerieadressen und Ausstellungen. Ich antworte so gut ich kann, aber vor allem gebe ich ihr die Telefonnummer von Philip Loersch und sende ihm eine SMS, dass sich vielleicht jemand aus Island melden wird. Danach wird es Zeit, sich zu verabschieden und ich steige in den Flughafenbus und bin pünktlich am Flugzeug nach Ffm.

3.8.12
Umpacken: Koffer leeren, Zeichnungen und Collagen, die nicht in Island gebraucht wurden wieder verstauen und dem Museum eine Liste der Arbeiten mit Titeln und Preisangaben in Isländischen Kronen schicken. Dann bügeln und den Koffer wieder packen: Morgen früh geht es nach Irsee. Im Anruf von dort hieß es, dass ich in Kaufbeuren vom Zug abgeholt werde. Das freut mich natürlich. Und dort werden Aquarelle von mir gehängt. Ich soll nur die Reihenfolge festlegen, dann würde es jemand für mich hängen. In dieser Hinsicht ein toller Service verglichen mit Reykjavik.

4.8.12
Anreise ins Kloster Irsee, wo ich zusammen mit anderen Künstlern eingeladen bin, eine Woche lang Kurse zu geben. Nach den kleinen Gebäuden in Island überwältigt mich die machtvolle Klosteranlage mit ihrer Dimension und Inszenierung der Blickperspektiven. Meine Bilder, die ich vorausgeschickt hatte, werden hier von Haustechnikern in kurzer Zeit aufgehängt und man begrüßt die Künstlerlehrer als „Meister“, weil man den Unterricht der hier stattfindet „Meisterklassen“ nennt. In der Malerei wird hier parallel Thomas Bechinger einen Kurs unterrichten, in der Fotografie Judith Samen, die in Mainz arbeitet, in der Druckgrafik Marijke von Verhoef aus Den Haag, in der Bildhauerei/Zeichnung Christina von Bitter aus München. In der Eröffnungsrede zum „Schwäbischen Kunstsommer“ spricht der Leiter der Tagungs- und Bildungsstätte Dr. Herzog unter anderem über die Gründungszeit seiner Einrichtung 1988 und das Motto „Kunst leben“ und erwähnt das damals unter diesem Titel erschienene Buch von Richard Shusterman, das den erweiterten und geöffneten Begriff der Kunst für die damalige Zeit manifestierte. Ich mache etliche Fotos von Details des ursprünglich barocken, jetzt aber stark modernisierten Gebäudes.

5.8.12
Morgens war ich in der Klosterkirche, die eine Kanzel in Schiffsbug-Form mit einem Blau-metallic-Segel hat. Vormittags und nachmittags Malkurs gegeben und unglaublich viel auch grundsätzlich über Malerei diskutiert. Fühle mich aber wohl dabei, weil die Leute sehr ernsthaft arbeiten. Habe auch in einem kurzen Vortrag über verschiedene Malereiauffassungen gesprochen. In der Mittagspause ein Rundgang durchs Kloster Irsee mit einigen stark mit Stuck ausgestatteten Sälen. Aber auch der Gedenkstätte für die hier getöteten 2000 Euthanasie-Opfer der Psychiatrischen Klinik in der Nationalsozialistischen Zeit. Dort hängt ein Triptychon von Beate Passow, das Fragen und lange Diskussionen über Kunst und Moral auslöst: „Künstler als Händler schwerer Themen“?

6.8.12
Noch müde von den vielen und langen Gesprächen des Vortags hatte ich Mühe, die Energie für den Unterricht aufzubringen, aber die Leute in meinem Kurs der Sommerakademie und ihre interessanten Bilder haben mich nach kurzer Zeit wieder munter gemacht. Einer der Kursteilnehmer hat mich als General vor den Twin Towers porträtiert. Im Hintergrund die Twin Towers, die von fliegenden Pinseln getroffen werden. In der Mittagspause gehe ich mit zwei Kollegen in den benachbarten Teich schwimmen, das war wirklich erfrischend und etwas Besonderes.

7.8.12
Die Aufgabe, meine Arbeiten in einem kleinen Vortrag vorzustellen, ist mir nur ungenügend gelungen. Es Standen in dem Teil des Klosterkreuzganges, der mir in Irsee zur Verfügung gestellt wurde zu viele Leute, um wirklich etwas sehen zu können. Ich habe den Fehler gemacht, mich auf die einleitenden Worte der Studienleiterin zu beziehen. Statt viel über figürliche Kunst zu reden hätte ich lieber über meine Idee reden sollen, dass die Bilder eine bestimmte positive Wirksamkeit haben sollen.

8.8.12
Neben dem Unterricht, in dem ich heute Bücher von Kerry James Marshal und Edouard Manet verwende, muss ich heute zu zwei Buffets und einem Vortrag mit Sponsoren des Kunstsommers. Da ist das Schwimmen im nahen Teich mittags mit Thomas Bechinger und Judith Samen eine sehr gute Pause.

9.8.12
Am Nachmittag war ich 2 Stunden bei den abstrakten Malern, dem Kurs  von Thomas Bechinger und er im Tausch in meiner „figurativen Klasse“. Das tat uns allen gut. Abends eine lange Besprechung aller Lehrer und Verwaltungsleute, damit wir bei der Abschlussausstellung am Ende nicht zu viel Energie und Zeit mit unnötigen Abstimmungsproblemen verbringen.

10.08.12
Gästebücher und Kataloge mit Zeichnungen und Widmungen zu versehen ist der eindeutige Hinweis darauf, dass der Kunstsommer sich der Abschlussausstellung nähert. Es gibt Anfragen, ob ich meine ausgestellten Bilder auch verkaufe.

11.08.12
Der letzte Tag der Kursarbeit. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer machen erstaunlicher Weise noch viele Arbeiten fertig. Alle sehr produktiv. Eine Reihe von Bemerkungen, dass unser Kurs besonders war: Es gab keine Rivalitäten oder Streitereien, was in anderen Jahren vorgekommen sei. Am Abend strömen viele Menschen in unsere Ausstellung der Ergebnisse. Vieles ist gut geworden und die Ausstellung kommt prima an. Ich nenne in der Vernissagenrede alle meine Teilnehmer mit Namen und erwähne auch, dass einige Arbeiten gemeinsam entstanden sind, was mir wichtig ist.

12.08.12
Am Morgen nach der Abschlussfeier ist die Ausstellung im Kloster Irsee schnell abgebaut. Die Kursleiter und die Organisatoren verabschieden sich voneinander, und uns wird dabei klar, dass wir eine gute Gruppe von Lehrenden waren und viele Teilnehmer sehr zufrieden nach Hause fahren. Im Zug nach Augsburg sitze ich zusammen mit einer Dame, die extra aus Bremen angereist war. Sie war unglücklich mit ihrem Kursleiter, der ihre literarischen Versuche nicht ernst genommen habe. Irgendwie gelingt es mir, sie darüber hinweg zu trösten, indem ich erzähle, wie ich ihren Kursleiter einschätze und dass er ja wohl auch kleine menschliche Schwächen hat. Sie verabschiedet sich lachend in Augsburg und in kann nach dieser intensiven Zeit nach Stuttgart zurück.

13.08.12
Gleich am Morgen kriege ich einen Arrzttermin wegen einiger Hitzepickel im Gesicht. In der Praxis hängt Kunst, Schon im Treppenhaus ein signiertes Plakat von Gerhard Richter. Im Behandlungszimmer hängt eine coole Arbeit von Karin Sander: zwei kreisförmige weiße Leinwände mit Schmutzspuren und Fingerabdrücken (wie von einer unachtsamen Handhabung). Konzeptkunst mit dem Anspruch Wahrnehmung zu schärfen ist hier gleichzeitig die diebische Freude und Ironie der Künstlerin. „Verkehrte Welt“: Der Arzt hängt sich Schmutzspuren an die Wand, das Kunstobjekt wird wertvoll durch die Schadensspuren. Am Abend erfahre ich von meiner Vermieterin im Treppenhaus Näheres über die renommierte Arztfamilie: dass der Vater meines Arztes mit über 90 Jahren noch medizinische Erfindungen macht und sein Onkel ein berühmter Regisseur war, der mit Romy Schneider gefilmt hat.
In der ferienartig leeren in Akademie Annahme des Rücktransports aus Irsee, stundenlanges Aufräumen im Atelier. Vorbesprechung eines Mauerdurchbruchs, der ärgerlicher Weise meinen Auszug aus dem Atelier während des Forschungssemesters erfordern wird.

14.08.12
Bevor ich in meine Semesterferien gehe und anschließend ins Forschungssemester, will ich mein Akademie-Atelier für meinen Vertreter Thomas Stricker vorbereiten und aufräumen. Wir stehen jetzt regelmäßig in Kontakt und bereiten schon die Vertretung an der Akademie in Stuttgart vor. Am morgen treffe ich einen jungen Italiener aus Palermo, der sich für das Studium interessiert und ich berate ihn bei einem Kaffee, was er machen kann, da er sich erfolglos um ein Stipendium beworben hat. Inzwischen habe ich ein Portfolio von Isabell Kamp nach Reykjavik geschickt und positive Reaktionen bekommen. Hoffentlich klappt es dort mit einer Ausstellung für sie. Bei einer Espresso-Pause spreche ich kurz mit den Osterwolds im Café vor der Akademie. Sie berichten mir von ihren Ausstellungen, ich von meinen. Der Maltechniker Enno Lehmann gibt mir Tips für die neuen Bilder, die ich bald malen will. Ich muss also noch Pigmente und Chemikalien einkaufen, bevor ich ins Amsterdamer Atelier gehe. Nachmittag und Abend gehen für das angefangene Pastell drauf, das ich fertig mache, um das dazu gehörige „Stillleben“ im Atelier wegräumen zu können. Bin erst nach Mitternacht fertig und fahre mit dem Miet-Bike durch die warme Sommernacht nach Haus.

15.08.12
Zu viert helfen mir Enno Lehmann und Studenten die riesige Papierrolle für das Aktzeichnen in den vierten Stock der Akademie zu hieven, weil dort kein Lift hin geht. Dann räumen die Studentischen Assistenten mit mir den ganzen Tag lang weiter das Atelier auf. Danach schaue ich noch die neuesten Bilder von Volker Kaufmann auf einem winzigen Kameramonitor an, weil seine Speicherkarte nicht zu meinem Rechner passen will. Beim Aufräumen haben wir eine Reihe von verschollenen Bunk-Bildern wieder gefunden; weil ich eines schön finde, nehme ich es mit dem Taxi nachts mit nach Hause.

16.08.12
Wie kann das nur sein? Der ganze Tag vergeht mit Organisatorischem und Büroarbeit. Entscheidungen fällen für die kommenden Wochen im Atelier. Kaufe Pigmente und Chemikalien für neue Bilder (auch maltechnisch neu). Mache an einer kleinen Zeichnung weiter, ohne sie fertig zu bekommen.

17.08.12
Wieder Aufräumen, Informationen suchen, etc. Ich schreibe an Nora Gomringer, die ich in der Sommerakademie kennen gelernt hatte. Ob sie mir mit meinem geplanten Buchprojekt weiterhilft?

18.08.12
Sie hat tatsächlich geantwortet und mir einige Fragen zu meiner Idee gestellt und Tips dazu gegeben. Aber vor allem schrieb sie, dass sie gerade die Biographie ihres Vaters als Graphic Novel herausgeben will, und sie fragt mich , ob ich mir vorstellen könnte, Illustrationen zu machen. Das klingt spannend und so werde ich ihr auch antworten. Mittags traf ich Daniel Schreiber von der Kunsthalle Tübingen in der Espresso-Bar gegenüber und er erzählte mir, dass auch er gute neue Verlage kennen gelernt hat. Mal sehen, diese Informationen und Kontakte können mir vielleicht helfen, wenn ich demnächst ein Buch plane. Stundenlang am Schreibtisch über Steuerunterlagen gebrütet, während draußen das Thermometer über 30 Grad kletterte.

19.08.12
Die Hitze macht das Kofferpacken für viele Wochen nicht leichter. Ich darf nichts vergessen, sonst muss ich wieder Sachen doppelt kaufen oder sogar noch mal reisen. Zig Mails müssen geschrieben werden, um Dinge für die Abwesenheit zu regeln. Abends schaffe ich es, eine Farbstiftzeichnung abzuschließen und  eine neue zu beginnen. Es sind jeweils Figuren auf den Blättern, die ich durch bis an den Figurenumriss stoßende Parallelschraffuren in einem abstrakten Bildraum verankern will. Der Hintergrund hat dadurch nur Struktur und Farbe, aber nicht die gleiche Bildrealität wie Figur und Gegenstände. Die zukünftigen Blätter sollen mit weniger Farben in Ölkreideflächen und Linien von Blei- und Farbstiften auskommen.

20.08.12
Verlasse Stuttgart mit einem frühen Zug und treffe mich mit Thomas Stricker, dem Vertreter für das Forschungssemester in Düsseldorf. Wir besprechen Details über die Verteilung der Arbeitsplätze der Studenten, Projekte und Veranstaltungen, die sich Thomas für die Studenten bereits ausgedacht hat. Wir diskutieren die neue Wohnarchitektur am ehemaligen Düsseldorfer Güterbahnhof. Thomas hat vor, mit den neuen Studenten in Stuttgart Spaziergänge und Debatten über die Ästhetik des Stadtraumes zu machen. Dann ist noch Zeit für einen kurzen Besuch in Thomas’ Atelier. Auf dem Weg dorthin erzählt er mir, dass er jetzt 3 Wochen zur Biennale von Shanghai reisen und dort Skulpturen machen wird. Im Atelier bin ich überrascht, dass Manfred Gliedt, ein Zeichner mit zahlreichen Kleinformaten, einen kleinen Raum bei Thomas hat. Ich bekomme einen kleinen Katalog mit seinen Zeichnungen: „Diary“. Gliedt ist regelmäßig Assistent bei größeren Projekten von Thomas. Der große Raum von Stricker hat über 200 Quadratmeter und ist fast völlig gefüllt mit Skulpturen. Auch hier bekomme ich ein kleines Heft: „Die Meteoritenwerkstatt von Thomas Stricker“ aus dem Jahr 2000. Leider muss ich ziemlich schnell weg, um meinen Zug nach Amsterdam zu bekommen. Der ist voller Ferienreisender. Bin schließlich sehr froh in meinem Atelier anzukommen und alles gut vorzufinden.

21.8.12
Wetterbericht sagt, dass es nachmittags regnen soll und wir beschließen auf dem Noordzee-Kanaal mit einem Tragflächenboot an den Strand zu fahren. Vorbei an imposanten neue Gebäude am Hafen, fahren wir Richtung Küste. Es ist beeindruckend wie die niederländischen Architekten die ausgedienten Hafenanlagen umgeformt haben und wie diese hippen Neubaugebiete auf der Fahrt langsam in die viel größeren Industriehäfen im Westen von Amsterdam übergehen. Das schlechte und kühlere Wetter kommt gar nicht und so wird es ein ganzer Tag am Strand mit Bad im Meer und leichtem Sonnenbrand. Nach dem Abendessen entsteht immerhin eine Zeichnung, mit der ich zufrieden bin.

22.8.12
Atelier aufräumen. In meinem Amsterdamer Farbenladen schaue ich nach feiner Leinwand, kaufe aber noch nicht, weil ich erst mit der Grundierung für Pastell auf Leinwand experimentieren muss. Besorge mir Ölkreiden und Papier und zwei Leporello-Bücher aus Thailand, die ich Leuten geben will, die ich zu der Ausstellung mit Ostasiatischen Harmonika-Büchern einladen werde. Ich schreibe für sie endlich den Text für die Einladung zur Ausstellung im kommenden Juni. Aber bevor ich ihn nach Tokio und Seoul schicke, muss er noch mal kontrolliert werden. Ich versuche zum zweiten Mal, eine größere Menge Harmonika-Bücher direkt in China zu bestellen. Ich hoffe, dass Tobias Zaft in Peking mir weiter helfen kann, und er antwortet auch, aber ich muss auf die genaue Information noch warten. Am Abend zufällig in einen Lüppertz-Fernsehfilm hinein geschaltet: Hier kann man Selbstlob und Selbstbewusstsein lernen.

23.8.12
Die neuen Zeichnungen mit Ölkreide unter Bleistiftlinien machen mir Spaß, und ich habe schon eine ganze Reihe gemacht, seit ich in Island dafür gelobt wurde. Aber heute ist erst mal der verwilderte Ateliergarten dran. Ich schneide bei gutem Wetter Unmengen von Bambus und Efeu ab, um besseres Licht zu haben. Habe drei kleine Leinwände in Arbeit, die ich nach Ratschlägen unseres Maltechnikers Enno Lehmann grundieren will, um darauf Pastelle zu zeichnen. Die Amsterdamer Künstlervereinigung Arti et Amicitiae will das Bild von Thomas Bechinger, das ich im Koffer hierher mitgenommen hatte noch nicht haben, weil dort noch umgebaut wird. Ich lagere es zwischen meinen Bildern im Atelier.

24.08.12
Die Zeichnungen in Ölkreide mit Bleistift gehen weiter. Die Leinwände für Pastelle machen mir viel Spaß, obwohl noch gar nichts drauf ist. Ich nehme mir endlich einmal die Zeit, mein Material sorgfältig selber zu präparieren statt fertig gekauftes zu verarbeiten. Das ist schon ein ganz anderer Vorgang, wenn man die Schichten der Grundierung langsam aufeinander legt und zwischendurch viel schleift. Die neue Grundierung nimmt bei ersten Versuchen die Kreidestriche gut an. Ich will sie aber erst einmal richtig durch trocknen lassen. Am Abend ein Essen mit dem Philosophen Johan Hartle und seiner Frau. Sie erzählen kritisch von der Dokumenta.

25.08.12
Fahrt zur Vernissage des Comiczeichners, Illustratoren und Professors (Kunsthochschule Kassel) Hendrik Dorgathen im Museum in Mülheim Ruhr. In der Eröffnungsrede beschreibt die ehemalige Direktorin der Kunstakademie in Kassel, Karin Stempel, sehr genau die unmittelbare Wirkung von seinen Zeichnungen und das niedrigschwellige ästhetische Angebot von Comics: Die Ausstellung ist umfangreich und sehr eindrucksvoll und heißt „Serious Pop“. Hendrik Dorgathen selbst weist darauf hin, dass ihn die Künstler seiner Stadt in seiner Jugend geprägt haben. Er nennt Popkünstler und Illustratoren wie Heinz Edelmann als Vorbilder. Aber zu meinem Erstaunen aber auch Max Beckmann. Logisch, da gibt es in den Bildern eine schwarze „Outline“. Ich unterhalte mich später auf der Party bei Hendrik Dorgathen mit der Mallorcinischen Comic-Celebrity „Max“ und Verena Knümann, die vor 12 Jahren den Arte-Film über unser Namibia-Projekt machte. Es sind sehr viele Freunde und Fans Dorgathens zu Gast, unter anderem der Schauspieler Joachim Król. Mit Karin Stempel spreche ich eine ganze Zeit über Isländische Künstler und die Dosierung des persönlichen Engagements in Hochschulen. Auf dem Weg zum Hotel Handelshof nach der Party erzählt uns ein Schauspieler, dass dort die Trauerfeier für Schlingensieff stattfand und in der Regel die Filmpremieren von Helge Schneider dort gefeiert werden.

26.08.12
Gabriele muss jetzt zur Hochschule nach Kassel, ich mache noch einen Umweg nach Düsseldorf. Ich besuche die Ateliers auf dem Höherweg. Im Atelier von Paul Schwer gab es viele Farbentwürfe für Rauminstallationen zu sehen. Er erzählte von seinem Lehrauftrag in Vietnam. Im Atelier von Pia Fries sind Arbeiten von Christoph Bucher zu einer guten und vielfältigen Ausstellung zusammengestellt. Ein spannender Kontrast zwischen den zurückhaltend farbigen und präzis kalkulierten Arbeiten Buchers und den starken Farben von Pia Fries. Die Düsseldorfer Ateliergemeinschaften sind eine gute Ergänzung zum Ausstellungsbetrieb der Stadt. Treffe ehemalige Studienkollegen, die mich freundlicher Weise zum Bahnhof bringen. Mit Verspätung komme ich nachts in Amsterdam an.

27.08.12
Ein vollgestopfter Montag: typisch, auch wenn ich nur 2 Tage weg war, hat sich wieder viel angesammelt. Organisatorisches und Zeichnungen gemacht. Die Leute werden sich wundern, denn in jeder Zeichnung tauchen jetzt Frauen auf. Hendrik Dorgathen zweimal im Radio gehört: Deutschlandradio und 1Live. Also wird seine Ausstellung gut publiziert.

28.08.12
Heute war die Arbeit im Atelier zäh. Ich scheue mich, die Pastelle mit meinen neuen Materialien zu beginnen. Hatte eine Idee, die mir aber so schwierig erscheint, dass ich erst mal noch eine Menge Bleistiftzeichnungen vorher machen will. Und dabei blieb es dann. Vielleicht klappt es morgen besser mit dem neuen Anfang.

29.08.12
Habe tatsächlich mit dem Pastell auf Leinwand begonnen und es geht besser als erwartet. Vorher musste ich erst einmal meinen Arbeitsplatz im Atelier umräumen und optimieren, damit alle Kreiden handlich daliegen konnten und das Licht stimmt. Hatte auch noch einmal über das Motiv nachgedacht und es vereinfacht. Das war sicher ganz gut. Wenn der Versuch mit den neuen Materialien klappt, dann wird das in der nächsten Zeit für meine Pläne ausschlaggebend sein. Den ganzen Tag mit wenigen Pausen gezeichnet. Abends war ich zum Essen bei Johan Hartle und lernte den Schwedischen Literaturkritiker Anders Johansson kennen. Mit ihm konnte ich kurz über meine Buch-Idee sprechen. Er erzählte, dass in Schweden gerade eine Welle von autobiografischen Männer-Romanen vorherrscht, in denen die Kerle ihr Leben zu monumentaler Wichtigkeit überhöhen. Er sieht diese Romane kritisch und fand meine Idee, die eigene Biografie zu relativieren oder sogar zu verunsichern interessant. Später redeten wir noch über Künstler mit „linker“ Botschaft: Andreas Siekmann, Alice Creischer und Dierk Schmidt. Andreas und Dierk haben ja auf meine Einladung vor längerer Zeit in Stuttgart Vorträge gehalten. Inzwischen habe ich kaum noch Kontakt zu ihnen und denke, dass sie mich zu bürgerlich finden.

30.08.12
Das erste Pastell auf Leinwand ist fertig. Für das, was ich vor habe, hatte ich eine etwas zu grobe Leinwand genommen. Ich habe die Zeichnung mit Spray fixiert. Und das Bild hat seine Farbintensität und Oberflächenstruktur voll behalten. Ob das klappen würde war spannend, aber jetzt kann ich größere Pastelle auf Leinwand planen. Die Papier-Pastelle waren immer in ihrem Format beschränkt, weil es das besondere Papier, das ich brauche, nicht größer gab. Prof. Saito, mein Projektpartner und Freund von der National University aus Tokio schreibt, dass er am 12. September in Amsterdam eintreffen wird, um dann als artist in residence in Leiden zu sein und anschließend ein eintägiges Seminar dort zu veranstalten. Ärgerlich, dass ich dieses Seminar nicht mit erleben kann, weil wir in Urlaub sein werden. Aber vielleicht klappt ein Treffen vor unserer Reise.

31.08.12
Professor Saito schreibt, dass er am Flughafen von einem Leidener Professoren abgeholt wird, ich überlege, wie ich ihn treffen kann, wenn so wenig Zeit ist. Arbeite im Atelier an Pastellen und kleinen Zeichnungen. Am Abend ist eine Bühne in der Sichtachse meines Atelierfensters aufgebaut. Erst erschrecke ich, weil ich dort nun laute störende Musik erwarte. Aber es kommt anders, die Musik ist zwar laut, aber es spielen verschiedene gute Jazz-Gruppen aus Amsterdam. Und so kann ich im Atelier auf eigenes Musikprogramm beim Arbeiten verzichten.

1.9.12
Arbeit im Atelier und Garten, Aufräumen, Kofferpacken, denn wir fahren am Abend bei klarem Wetter mit dem Mietwagen ins Bilderlager nach Soest. Scanne etliche Zeichnungen für mein Werkverzeichnis, und mache nachts noch eine Zeichnung in Ölkreide und Bleistift.

2.9.12
Am Vormittag ist Vernissage im Museum Wilhelm-Morgner-Haus in Soest. Thomas Drebusch, Sohn des ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Künstlerbundes aus Soest Günter Drebusch, hat mehrere Künstler gebeten, eine Arbeit für eine Versteigerung zu stiften. Ziel ist der Ankauf eines Blattes von Johannes Molzahn für die Sammlung der Stadt Soest. Da das Museum endlich wieder eine Leiterin hat, habe ich auch ein Blatt gestiftet. Es hat einen schönen Platz in der Ausstellung zwischen Arbeiten von Wilfried Hagebölling, Hans Kaiser und vielen Anderen. Die Rede von Thomas Drebusch, die einen Überblick über das Leben des Malers und Bauhauskünstlers Molzahn gibt, wirft auch ein grelles Licht auf die geschichtlichen Fakten. Molzahn war von den Nationalsozialisten aus seinen Lehraufträgen im Bauhaus entlassen worden und mit 14 Bildern in den Ausstellungen über „Entartete Kunst“ vertreten. Nach seiner Emigration in die USA erhielt er mehrere Professuren an Hochschulen dort. Z. B. auch am New Bauhaus in Chicago. Wir hoffen, dass die Molzahn-Papierarbeit aus Privatbesitz im Wert von 12.000,– € durch unsere Beiträge angekauft werden kann. Nach der Eröffnung diskutiere ich mit Drebusch noch länger im Garten meines Freundes und Bildhauers Michel Düchting, der eine interessante Stahl-Skulptur gespendet hatte.

3.9.12
Ein Montag voller Organisatorischer Dinge. Die Kunstakademie kann den Lehrauftrag für Aktzeichnen nicht mehr finanzieren. Bei der Verabredung mit Prof. Saito für den 12. September gab es ein wohl sprachliches Missverständnis. Thomas Stricker muss das Vorlesungsverzeichnis bekommen. Mit Gabriele diskutiere ich einen Zeitungsartikel über die Zunahme von Buchpublikationen, die Leute selber als E-Books herausgeben. Was ist die Aufgabe des Gestalters dann noch? Könnte mein Buchprojekt auch als E-book konzipiert werden? Nach der Abreise von Gabriele nach Kassel mache ich drei Zeichnungen auf alten Papieren, bis spät in die Nacht.

4.9.12
In Soest im Atelier wieder Arbeiten gescannt und neue Zeichnungen gemacht, diesmal 2 Ölkreide-Bleistift-Zeichnungen, die größer sind als A4. Dabei gingen mir die starken expressiven Formen Wilhelm Morgners durch den Kopf, die ich am Sonntag in einem schnellen Durchgang durchs Morgner-Haus gesehen hatte. So stark sind meine Blätter leider nicht. Unsere Ausstellung in Reykjavik ist jetzt abgebaut. War wohl sehr gut besucht und mich freut besonders, dass sie bei jüngeren Leuten sehr gut angekommen ist. Jetzt muss ich entscheiden, wann ich wieder hinfliege, um alles zurückzuholen, weil es ja kein Transport-Budget gibt.

5.9.12
Stehe im Dunkeln auf und gehe und bei Nieselregen zum Bahnhof in Soest, weil ich heute endlich zur Dokumenta fahre und zur Öffnung morgens da sein will, um möglichst viel zu sehen. Ein paar Stunden später stehe ich auf dem Hauptbahnhof in Kassel und höre die Musik-Inszenierung von Susan Philipsz am Ende eines Gleises an einem Nicht-Ort zwischen abfahrenden langweiligen Regionalbahnen. Das ist das erste Werk, was mich nach dem Durchgang durch verschiedene Räume fasziniert, weil der Klang einen geistigen Raum erzeugt, der – durchbrochen von Zuggeräuschen und Tuten – dem banalen Bahnhofsgeschehen und der Güterbahnhofsaussicht widerspricht. Natürlich sind die Empfindungen auf einem deutschen Bahnhof mehr als zwiespältig …
Wer nach Kassel kommt, um aufregende neue Malerei zu sehen, der war wohl von den letzten drei Dokumenten enttäuscht. Es ist die vorletzte Woche der 100 Tage, und ich habe natürlich schon viel gelesen und gehört. Auch die Dokumenta-Leiterin selbst, die in Stuttgart im Kunstmuseum und mit Studierenden der Akademie als Publikum kein sehr klares Bild der Ausstellungsideen formuliert, sondern eher Erstaunen mit esoterisch klingenden Bemerkungen erregt hatte. Javier Téllez’ Höhlenkino nach Artaud war auch eine Arbeit, die mir gefiel, weil sie auf Inszenierung nicht nur im Film, sondern auch in der Präsentation setzte und zwar meiner Meinung nach in ironischer Weise, wegen des sehr künstlichen Aussehens der Grotte (wie in einem Freizeitpark-Spektakel). Ansonsten fielen mir etliche recht schwach wirkende Beiträge auf.
Sehr gut war für mich die gemeinsame Arbeit von Ines Schaber und Avery F. Gordon, die den Raum gut bespielte und die Konzentration auf das Gehörte ermöglichte. Der visuelle Eindruck von Umgebung und Straßengeschehen gehört zu dieser Arbeit. Kassel ist während der Dokumenta eine Art Gesamtinszenierung. Denn als ich mich auf der Suche nach Notizblock und Stift in die Schreibwarenabteilung des Kaufhofs verlaufe, sind dort alle 100 Notizhefte zur Dokumenta ausgestellt und ich kann sie in völliger Ruhe durchschauen. Ich nehme einen Stapel davon mit, um sie zu lesen und zu verschenken. In der neuen Galerie waren die malerischen Positionen von Emily Carr und Margret Preston wie erwartet die Erinnerung an zu Unrecht Übersehenes. Erstaunt war ich im Brüder-Grimm-Museum, weil ich die Arbeit von Nedko Solakov nach einem wohl unglücklichen Fernsehbericht für kompletten Unsinn gehalten hatte. Hier vor Ort erschloss sich der Zusammenhang mit Grimms Märchen und dem gesellschaftlichen Phänomen von Ritterzeit-Reenactments jedoch. Bei einer Pause im Café traf ich den Rektor der Kasseler Kunstakademie und Dokumenta-Teilnehmer Christian Philip Müller, dessen Arbeit sich im Ottoneum befand und vor der Kunsthochschule in der Aue. Wir gehen zusammen ins Museum Fridericianum, wo er einige Tips für den Rundgang gab. Im Raum mit den Apfelsorten-Bildern Korbinian Aigners wurde mir klar, dass Müller mit seiner Mangoldsorten-Arbeit hierzu eine Verwandtschaft sieht. Außerdem waren wir zusammen im zentralen Raum, dem so genannten „brain“, wo Zeit war, miteinander zu diskutieren. Hier, wo an einer ganz zentralen Stelle Morandi-Stilleben ausgestellt sind, war ich dann doch ratlos: Nachdem ich erst gedacht hatte, dass es eine spannende Idee ist, hervorragend erforschte und sozusagen „allzu bekannte“ Positionen wie Dalí und Morandi unter die brandneuen künstlerischen Zeitgenossen zu mischen, wurde mir eben doch nicht klar, warum diese Künstler und nicht andere auch. Bei sehr gut bekannten und dokumentierten Positionen wie Charlotte Salomon und den Tula artists, fragt sich, ob eine ganze thematische Ausstellung in der Ausstellung den Betrachter nicht überfordert und sogar davon abhält, Zusammenhänge der Gesamtpräsentation zu kapieren. Für mich hätten hier weniger Arbeiten wie (z. B. bei Julio Gonzales) gereicht. Denn die Arbeiten von Llyn Foulkes, Goshka Macuga und anderen, die anschaulich funktionieren, erfordern doch einige Zeit, sich einzusehen. Dies erreicht man nicht, wenn man überfordert ist. Denn die Besucher müssen ja vor übervollen Räumen warten und haben dann darin keinen freien Blick auf die Arbeiten. Es gibt einige Stellen in der Ausstellung, wo stark von den informierten Machern der Dokumenta her gedacht ist, aber nicht vom Besucher her. Viele der umfangreichen Beschriftungen hängen im Dunklen weit unter Augenhöhe.

6.9.12
Meinen zweiten Besuchstag beginne ich mit der Dokumenta -Halle, wo mir die Präsentation der Arbeiten von Gustav Metzger erneut nicht optimal vorkommt. Die Zeichnungen aus den 50er Jahren werden in großer Zahl, über mehrere Räume verteilt, unter Stofftüchern präsentiert, die schädliches Licht abhalten sollen. Der Gedanke der autodestuktiven Kunst erschließt sich so gar nicht. Und wie ich sehe, werden Tücher sporadisch und fast nie länger als ein paar Sekunden hochgehoben, weil noch zu viele andere Blätter warten. Niemand macht sich die Mühe alles gründlich anzusehen. Ein abgedunkelter Raum ist bei anderen Arbeiten vorhanden, warum bei dieser nicht? Ich verstehe außerdem nicht, warum Bayerle, der natürlich ein wichtiger und viel ausgestellter Künstler ist, als Preisträger der Dokumenta gewählt wurde. In der Dokumenta-Halle war für mich interessant, dass es aus Korea und Japan eine Arbeit gab, die auf die Katastrophe nach dem Japanischen Erdbeben und Tsunami reagiert. Hier bekam ich Interesse, mich weiter zu informieren. Sehr gut fand ich in der Aue den Film von Omer Fast. Andere Stationen in der Aue waren dagegen schwächer. Insgesamt funktionierte die Dokumenta für mich wie ein Essay, in dem viele hoch aktuelle und spannende Gedanken unverbunden nebeneinander stehen. Die Grundidee von Zerstörung und Rekonstruktionen, ökologische und feministische Ideen, politische Alternativen und gesellschaftliche Experimente kamen immer wieder und in verschiedenen Formen vor. Aber vieles war nicht klar genug heraus gearbeitet, und ich mit meiner Vorliebe für Anschaulichkeit und Gründlichkeit der Durcharbeitung kam nicht immer auf meine Kosten. Dass MalerInnen mit Positionen, die hervorragend zu den Themenschwerpunkten gepasst hätten möglicherweise nur wegen der Tatsache ausfielen, dass sie malen, finde ich unnötig und schade: Rosemarie Trockel ja, Marlene Dumas nein, vietnamesische Staatskünstler ja, Dierk Schmidt nein. Am Abend fahren G.F.G. und ich zurück nach Westfalen, wo wir in Wamel am Möhnesee zum Geburtstag des Sammlers und Kunstliebhabers Klaus Rogge eingeladen sind.

7.9.12
Aufräumen im Soester Bilderlager, Koffer packen, es geht mit Umwegen zurück nach Amsterdam. Bin von der Dokumenta-Tour erschöpft. Lese Texte nach, gehe früh schlafen.

8.9.12
Mache eine kleine Zeichnung, die mir gefällt. Eine Bildidee aus der sowohl Zeichnungsserien als auch größere Bilder werden können. Ich lese noch eine ausgewogene Rezension der Dokumenta in der Süddeutschen Zeitung von gestern. Ein Wunsch für die Dokumenta 14 steht am Ende: die nächst Dokumenta sollte die Kunst nicht nur von ihren Vernetzungen aller Gattungen und wissenschaftlichen Gebieten her beleuchten. Und auch nicht wieder den Schwerpunkt so stark auf die „Schwellenländer des Kunstbetriebes“ verlagern. Das könnte allerdings die Süddeutsche auch mal wieder versuchen: eine Haltung zu einer „Kunst“ finden, sich identifizieren und etwas auswählen, statt alles politisch Korrekte abzudecken. Versäume abends die Amsterdamer Saisoneröffnung in den Galerien, weil ich mich im Atelier festgearbeitet habe. Die Finger sind schmutzig, kann mich grade nicht lächelnd im sauberen Hemd präsentieren.

9.9.12
Nachdem ich meine ersten drei Pastellskizzen auf Leinwand mit Spezialgrundierung fertig habe geht der Versuch, sie zu fixieren einigermaßen schief. Nicht anders als bei m Papier, das ich bisher ausprobiert habe, werden einige Partien der Pastelle durch das Fixativ dunkler und das ganze Bild stimmt danach nicht mehr. Ich weiß immer noch nicht, warum das manchmal passiert und dann wieder nicht. So sind viele meiner Pastelle nach dem fixieren nicht mehr so farbbrillant wie vorher. Schade. Es war wunderbares Wetter, aber ich bin den ganzen Tag im Atelier.

10.9.12
Mache Zeichnungen mit Ölkreiden und Bleistiften. Aber im Moment gefallen mir alle meine Arbeiten nicht besonders. Jetzt probiere ich weite, neue Grundierungen von Leinwand für Pastelle an zumischen. Natürlich weiß man nie, ob das Ergebnis nach dem Fixieren zufrieden stellen wird. Schreibe jede Menge mails an Ausstellungsorganisatoren und Kollegen.

11.9.12
Bin froh, dass ich eine Ausstellung in einem kleinen Kunstverein abgesagt habe und mich auf die Ausstellung im Kunstraum Neuruppin bei Berlin werde konzentrieren können. Auch eine Eröffnungsrede für meinen Japanischen Studenten Hiroki Tsukiyama kann ich nicht halten, weil ich zu dem Zeitpunkt noch in Ferien sein werde. Eine kurzfristige Anfrage wegen einer Abbildung meines Bildes „Blauer Raum“ kam heute an. So versuche ich, den Herausgebern noch 2 Tage vor den Ferien weiter zu helfen. Professor Saito ist jetzt schon auf dem Weg von Tokyo nach Amsterdam. Ich plane meine Reise nach Leiden, wo ich ihn am Donnerstag treffen möchte. Meine letzte und einzige Möglichkeit vor den Ferientagen. Grundiere eine Leinwand und 2 Holzplatten grau, um neue Versuche mit Pastellkreiden machen zu können. Während die Flächen trocknen, mache ich eine Reihe Zeichnungen. Im Zeitungsladen kaufe ich eine Stereo-Postkarte: Irgendjemand hat ein Bild von Degas umgebastelt, sodass die Tänzerinnen jetzt in einem Guckkastenraum herum hüpfen. Es gab auch einen räumlichen Van Gogh und einen Dürer-Hasen, der mit dem Kopf wackelt, die fand ich aber nicht so schön.

12.9.12
Heute sind Wahlen in Holland, bin gespannt aufs Ergebnis. Am wichtigsten wird sein, dass der kulturfeindliche Rechtspopulist nicht mehr so viele Stimmen bekommt, dass er Einfluss auf die Regierungsparteien nehmen kann. Ich bringe mit dem Fahrrad das Bild von Thomas Bechinger zur Künstlervereinigung „Arti et Amicitiae“. So laufen nämlich heute internationale Kunsttransporte. Versende außerdem die Einladungen zur Ausstellung „bis hier … 50 Jahre Kunstverein Bochum“ zu der ich eingeladen wurde. Leider hat der Bildtransport aus Stuttgart dahin noch nicht geklappt. Und zur Eröffnung kann ich wegen meines Urlaubs auch nicht.

13.9.12
Am morgen habe ich noch eine Zeichnung mit einem balancierenden Mann fertig gemacht und zusammen mit Zeichnungen der letzten Tage im Garten mit Fixativ besprüht. Im Radio kommt die Nachricht, dass die Rechtsliberalen und die Sozialdemokraten die stärksten Parteien geworden sind und der kultur- und europafeindliche Populist eine schwere Schlappe erlitten hat. In der Zeitung im Café las ich das Wahlergebnis noch einmal im Detail nach. Danach musste ich anfangen Koffer zu packen, denn der Nachmittag war für meine Fahrt nach Leiden zu Prof. Saito aus Tokio reserviert. Wir trafen uns eine Viertelstunde früher als verabredet am Eingang des Museum voor Volkenkunde, wo er seine Wohnung als artist in residence hat. Wir freuten uns beide, dass wir uns in Holland wieder sehen konnten und gingen in ein benachbartes Café. Wir sprachen lange über unsere geplante Ausstellung kommendes Jahr in Stuttgart und die Vorbereitungen. Ich freute mich, dass Prof. Saito meinen Titel „ZigZag Dialog“ gut findet. Saito erzählte mir, dass er viel unterwegs sein werde in der kommenden Zeit. Hier in Leiden hält er nicht nur einen Vortrag über Japanische Malerei sondern unterrichtet auch zwei mal in der Woche eine Gruppe von 30 Leuten im Umgang mit Japanischen Materialien. Abends gehe ich noch mal im Reisebuchladen genauere Reiseführer über unser Ziel in Italien kaufen. Dann weiter hektisches Kofferpacken, denn die Reise beginnt sehr früh morgens. In diesem Tagebuch wird voraussichtlich eine Lücke von 3 Wochen entstehen. Denn nachdem ich heute noch eine Menge Mails verschickt habe (z. B. Stellenausschreibungen an meine ehemalige Studentin Isabell Kamp schicken) werde ich den Rechner zuklappen und nicht mitnehmen!

***

7.10.12
Leider musste der Urlaub auf unerwartete Weise abgebrochen werden – Gesundheitsprobleme. Auf dem Umweg über Amsterdam, brachte ich meine Frau aus Süditalien zu Berliner Spezialisten, um kein Risiko einzugehen. Im Zug nach Berlin las ich in der niederländischen Vogue ein Interview mit Dr. Ann Goldstein, der Direktorin des wiedereröffneten Stedelijk Museum in Amsterdam. Befragt nach der Kunst auf die sie sich bezieht, nennt sie in diesem interviewbasierten Artikel nur Kunstwerke aus US-Amerikanischen Museen. Nach ihrem Verhältnis zur Kunst befragt sagt sie: „Strategie“. Außerdem lese ich das 2005 von Chun Bul Han veröffentliche Merve-Buch „Hyperkulturalität – Kultur und Globalisierung“.
In diesem Buch stellt der Autor die deutschen Denker Hegel, Herder, Heidegger, Nietzsche durch den starken Bezug europäischen Denkens zum Kolonialismus als kompromittiert dar. Nietzsche erscheint ihm noch als der weitsichtigste, die Franzosen (besonders Gilles Deleuze mit seinem Rhizom-Begriff), John Cage und Peter Handke finden mehr Gnade vor seinen Augen. Überlegen erscheinen ihm ostasiatische Haltungen und ich weiß nicht, ob ich seinen Optimismus über eine entstehende ortlose freundliche Hyperkulturalität und die Bejahung von Konsum teilen kann. Ich würde einige seiner Thesen gerne mit Slavoj Žižek konfrontieren, der in einem Buch über die Dispension politischer Ethik, das ich gerade parallel lese, diesen Umgang mit Andersartigkeit von Kultur als „New Age“ bezeichnet.

8.10.12
Arztbesuche und Terminabsprachen von einer Berliner Wohnung aus. Versuche eine Zeichnung von italienischer Landschaft aus dem Gedächtnis weiter zu machen. Frage per Mail bei Thomas Huber und Leiko Ikemura an, ob sie eventuell bei der in Stuttgart geplanten Leporello-Ausstellung mitmachen würden. Möglicherweise könnte ich die Leporello-Dummies bei ihnen vorbei bringen, weil ich gerade in Berlin bin.

9.10.12
Thomas Huber hat geantwortet und erst einmal Fragen zum Projekt gestellt. Ich finde es verständlich und richtig, wenn er sagt, dass er sich in der Regel die Aktivitäten selbst aussucht, mit denen er in die Öffentlichkeit tritt. Obwohl wir jahrelang keinerlei Kontakt hatten, gibt er mir aber in der Antwortmail seine Telefonnummer und wir können uns für den kommenden Tag zum gemeinsamen Mittagessen verabreden. Da werde ich ihm unser Projekt mit den asiatischen Leporellobüchern erläutern. Ich erzähle ihm von meiner Ausstellung mit Helgi Thorgils Fridjonsson in Reykjavik. Das ist ein Türöffner. Er freut sich, von dem gemeinsamen Freund aus Island zu hören.

10.10.2012
Thomas Huber empfängt mich in einer sehr schönen, großen Berliner Wohnung, in der sich auch sein Atelier befindet. Er hat mehrere große und kleine Bilder in Arbeit. Der Parkettfussboden ist makellos. Obwohl er hier malt, entstehen kaum Flecken dabei – er ist also einer von den ganz sauberen Malern. Die neuen Bilder zeigen perspektivische Räume aus Architektur und Gebäuden. Ich war überrascht, dass auch ein Projektor vor den Leinwänden stand. In einer Seitenstraße gehen wir in Thomas Hubers Lieblingsmittagstisch-Restaurant. Ich sitze auf einem Stuhl vor Thomas-Huber-Bildern neben einem Regal, in dem sich Huber-Bücher für die Kunden befinden. Beim Essen ist Huber gut gelaunt und interessiert. Er findet die Idee mit einer Ausstellung mit Leporello-Büchern zumindest interessant. Wir reden auch über Galerien und Akademien und was gut für Studenten ist. Ich überreiche ihm ein Leporello-Buch mit thailändischem Papier und habe den Eindruck, er wird sich dieser Sache widmen. Eine ältere Zeichnung mit italienischer Landschaft fertig gemacht.

11.10.2012
Endlich kann ich durch Urlaub und Krankheit liegen gebliebene Mails erledigen. Einiges ist dringend. In der kommenden Woche beginnt mein Forschungssemester, in dem mich Thomas Stricker vertritt. Nach seinen Besuchen in Stuttgart und meinen in Düsseldorf habe ich den Eindruck, das er gut vorbereitet ist und alles gutgehen wird. Wir sind jetzt regelmäßig in Mail-Kontakt. Besichtige mit Gabriele den „neuen Pavillon“ von Schinkel, der neben dem Schloss Charlottenburg rekonstruiert wurde. Die Farben der Raumabfolge erinnert mich an die Farbklänge von Thomas Hubers Bildern (er wohnt 200 m Luftlinie von hier). In den Räumen sind Bilder von Blechen, Carus und C. D. Friedrich zu sehen, die mich in ihrer Qualität überraschen. Besonders die Bilder und Skizzen von Blechen. Nachts eine Zeichnung gemacht. […]

— Ende des Textauszuges —