Texte über Holger Bunk

Kunst im digitalen Zeitalter – John Armleder und Holger Bunk
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden / Ulmer Museum

Schwarz, alles ist schwarz in Ulm. Man wird empfangen von einem riesigen Triptychon, das hauptsächlich aus dunklem Hintergrund besteht. Eine Figur fällt ins Leere, Kinder aus einem Bürgerkriegsland stehen auf einem zerschossenen Balkon, ein body-gestyltes Liebespaar wird von voyeuristischen Männerköpfen umflogen. Das Dunkel ist ein Kontrapunkt zur bunten Medienwelt, und doch zitieren diese Ölgemälde ersichtlich Fernsehbilder, Illustriertenfotos, Agenturmaterial.

Holger Bunk will uns durch ein »Labor der Bilder« führen – und dabei wird er uns immer wieder seine Generalthese belegen: daß es kein originäres Bild mehr gibt. Das Bild ist immer schon da in unserem Kopf, alles ist vorgefertigt, Zitat, und diese Bildwelten haben in den letzten zehn Jahren auch in Deutschland, mit der Einführung des Privatfernsehens, eine ungeheure Beschleunigung erfahren.

Bunk reagiert vielfältig: mit riesigen Formaten, die den Betrachter ganz körperlich bedrängen und überdimensioniert mit den Klischees konfrontieren, die sonst im Medientaumel versacken. Das hat nun gar nichts Konservatives, denn Bunk benutzt die neuen Techniken, spielt slow-motion-Animationsfilme in Wandgemälde ein, kratzt comic-artige Geschichten auf unbelichtetes Filmmaterial und projiziert das dann in einer Dia-Show an die vier Wände eines dunklen Raumes – Chronik der reflexhaften Eindrücke in einem Kopf, Speichervorrat, und den nennt er dann »meine wahre Geschichte«.

Trotzdem: die Haupt-Intention dieses Malers ist es, das Bild anzuhalten, Details, Ausschnitte zu zeigen, die technisch manipulierten Bilder, die unseren Blick verändert haben, wieder für den Einzelnen zurückzugewinnen – quasi »voraussetzungslos« zu gucken, das aber mit allen technischen Möglichkeiten: die absurde Situation der Gegenwartskunst.

So konzentriert sich Bunk in seinen Selbstportraits auf die Nebensachen, auf das Mimische und Gestische, auf kleine Signale des Suchens und der Verlegenheit. Das sind dann kleinformatige Pastelle, die immer wieder kopiert, ausgeschnitten und übereinanderkollagiert werden – und der Hauptakteur des Werks wird von hinten immer wieder bedrängt von Medien-Realität, meist von intimer Körperlichkeit oder politischen Verlautbarungensritualen.

Die großen Ölbilder geraten oft automatisch zum Zitat – eine Zitrusfrucht erinnert an ein Stilleben von Cézanne, ein Blick in die Ebene bezieht sich auf die holländische Landschaftsmalerei und plaziert dann freundlich einen Papierkorb im Vordergrund, in das Portrait eines Pin-up-Girls wird ironisch Andy Warhols Banane hineingeschnitten …, es gibt immer schon ein Bild in unserem Kopf, das ein weiteres hervorbringt.
Und es gibt den Körper, der in der medialen Inszenierung entweder untergeht oder grell ausgestellt wird – und den Bunk mit schreienden Rot-Tönen entblößt. Jede Andeutung von Intimität wird gleich wieder gebrochen. Das Liebespaar, das sich offensichtlich nach vielen Telefonaten und komplizierten Arrangements endlich ins Bett begibt, ist umgeben von kleinen Köpfen mit Telefonhörern, den Chefs, den Freunden, den betrogenen Partnern, die jederzeit anrufen können – das Handy als Kontrollinstrument.

Daß Bunk nicht erst seit gestern mit einer Vielzahl von Medien experimentiert, zeigt eine Fotoserie aus seiner Düsseldorfer Akademiezeit Ende der siebziger Jahre: »100 Stellungen mit Klaus und Holger« heißt sie. Die beiden Maler Klaus Richter und Holger Bunk sind ironisch ineinander verknotet und aneinander geklebt, und sie parodieren mit einer linkischen Körperlichkeit aufs Schönste jenen Kult extravaganter sexueller Stellungen, der damals im Schwange war.

Das ist ironisch und nett. Vor Holger Bunks großformatigen Brutalgemälden, Rot-Orgien und Illustriertenbildern jedoch fühlt man sich nicht gerade wohl. Oder, wie ein Kollege muffelnd anmerkte: sowas hängt man sich doch nicht ins Wohnzimmer. Kann sein. Aber im Ulmer Museum sollte man sich das anschauen – zum besseren Verständnis, was der tägliche visuelle Overkill mit uns macht.

Kunsthalle Baden-Baden: John Armleder »At any Speed – rewind and fast forward show«. Bis 10. Januar 1999; bislang kein Katalog. Ulmer Museum: Holger Bunk »Das Labor der Bilder«. Bis 10. Januar 1999; Katalog 35,– DM.