Texte von Holger Bunk

Kathedrale und Bierdeckel
Gefälle zwischen Malerei und Illustration?

Illustrations-Impuls 25. November 2014 / Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

Marker-Linienzeichnung 42-13 aus dem Jahr 2013
Marker-Linienzeichnung 42-13 aus dem Jahr 2013

Vorbemerkung

Dies ist eine Art visueller Essay zum Thema „Illustration und Malerei“ aus der Perspektive meines Ateliers und der Lehre. Beim Verfassen des Textes, der vor einer Mehrheit von Studentinnen gehalten werden sollte, machte ich zunächst den Versuch, die weibliche neben die männliche Form zu stellen, also von Studentinnen und Studenten, Malerinnen und Malern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu sprechen. Spätestens aber bei Formulierungen wie „Dissonanz in Heldinnen- und Heldentum” merkte ich, dass dies die Verständlichkeit und Sprechbarkeit des Textes einschränkt und ich an diesem Versuch einer Gleichstellung scheitern werde. Ich bitte also um Verständnis.

Die Begriffe „Illustration“ und „Malerei“ benutzt man im Alltag als verwandte, aber doch gegeneinander abgegrenzte Kategorien. Von Illustration haben wir die Vorstellung, dass es um eine „angewandte Kunst“ geht; um das Bebildern von Themen, die von Text und Theorie vorgegeben werden. Die klassische Illustration muss schnell Aufmerksamkeit wecken oder veranschaulichen, ist aber Inhalten wie Belehrung oder Information zu– oder untergeordnet. Die Kategorie „Malerei“ wird hingegen aufgrund der generellen Freiheit von Kunst als unabhängig gesehen. Nicht ausgesprochen wird dabei, dass auch die Kunst nach einer umkämpften, stark hierarchischen Bewertungsskala geordnet wird: „Kunst“ kann – aus was für Gründen auch immer – unbedeutend bleiben, aber auch in Auktionen in rekordverdächtige Höhen aufsteigen oder zur Blockbuster–Ausstellung–Inszenierung, die alle Plattformen bespielt. Es ergibt sich im Sprachgebrauch trotzdem eine ungefähre Arbeitsteilung: Angewandte und Freie Kunst, was grob gesehen einer Hierarchie zwischen populär-zugänglichen Alltagsbildern gegenüber elitärem, dauerhaftem Anspruch entspräche.

Abbildungen:

Gerhard Richter *1932

Als Maler sitze ich im Atelier oder an meinem Schreibtisch, wo ich mich vorbereite, vor Mengen von gesammelten Abbildungen, Illustrationen, Zeitungsausschnitten, die mich irgendwie fasziniert haben. Sie sind Arbeitsmaterial und noch nicht „Kunst“, aber gesammelte Fotos und Bilder, Magazine, Bücher, spielen zugegebenermaßen eine größere Rolle bei der Vorbereitung als eigene Skizzen und Entwürfe. Bei Kollegen, die ich ebenso lustvoll in solchen Materialsammlungen hausen sehe, ist das ähnlich; oder bei Studenten, die von Fotos malen, oder mittlerweile ohne Papierausdruck direkt vom Bildschirm.
Es gibt renommierte Beispiele für das Arbeiten aus einem angesammelten Bild-Pool: Man kennt Gerhard Richters „Atlas“, der nicht nur gelegentlich ausgestellt wird, als Buch publiziert, sondern auch auf einer Website zur Verfügung steht. Gefundene Bilder, visueller Alltag haben hohen Rang in seiner Malerei-Produktion.

Abbildungen:

Hans Sedlmayr 1896 – 1984, „Verlust der Mitte“

Aby Warburg 1866 – 1929

In den kunstwissenschaftlichen Teilen meiner Ausbildung geriet ich zwischen Lehrer, von denen sich einer auf die Methodik seines Lehrers Hans Sedlmayr und andere eher auf Aby Warburg bezogen. In großen Teilen einander entgegengesetzt, konnte dies Studierende verwirren. Dabei spielte eine Rolle das sublime „handwerklich richtige“ Malen, die hohe Kunst, die Alltagsbildern und einer umfassenden „visuellen Kultur“ entgegengesetzt wurden.

Sedlmayr beschreibt Phänomene der Gegenwartskunst in Begrifflichkeit der Krankheit und gibt der abendländisch-christliche Tradition und insbesondere der vor-modernen figurativen Malerei den höchsten Rang. Überspitzt polemisierte mein damaliger Lehrer in „Sedlmayr-Tradition“, dass seine „Warburg-Kollegen“ „Kathedralen mit Bierdeckeln“ vergleichen. Jenseits dieser Polemik schätze ich dennoch an Sedlmayrs Methodik die Forderung nach Erkenntnis durch Anschaulichkeit.

Aby Warburg hingegen legte mit der Methodik einer umfassenderen, internationaleren, auch den Alltag betreffenden Ikonologie Grundlagen für eine Haltung, die ich bis heute bei vielen Kunstwissenschaftlern und Künstlern – auch beim oben genannten Gerhard Richter – sehe: Es geht darum zu erkennen, wie sich kulturelle Entwicklungen vollziehen und komplex auswirken. Sie sind eben nicht ausschliesslich einer „hohen“ Kunst vorbehalten. Viele Künstler, die uns interessieren, arbeiten an globalen Vergleichen und Zusammenhängen in der gesamten visuellen, ästhetischen Produktion und eben nicht nur der als „Hochkultur“ deklarierten Bildwelt.

Der Blick des Malers mit eher assoziativer Vorgehensweise setzt sicher andere Schwerpunkte als die Wissenschaft, die fundierte Nachweise bringen muss. Aber sowohl Kunst als auch Wissenschaft interpretieren vorhandene Bilder in Motivreihen, um die Abkunft von Bildern zu untersuchen oder um sich Entwicklungen zu erklären. Die figurative Bildreihe, die ich hier versuchsweise vorstelle, enthält dabei Werke von Malern, mit einem ausgesprochenem Verhältnis zur Grafik.

An den dargestellten Figuren hat mich interessiert, wie – parallel zur historischen Lösung aus dem Feudalismus – aus moralischer Vorhaltung und Wertung eine umfassende, letztlich radikale, politisch-soziale Kritik wird. Mit Hilfe künstlerischer Interpretation und Stilisierung wird eine zunehmende Doppelbödigkeit und ein Hintertreiben der dargestellten menschlichen Figur sichtbar; Die figurative Darstellung bewegt sich in einer Skala von der Idealisierung hin zum grotesk – monströsen Phantasma. Aus Dissonanz in Heldentum und Heiligkeit entwickeln sich die Möglichkeiten der Karikatur. Am Ende steht der überzeichnete „character“, der uns in zeitgenössischen Bildern zeigt, wo die Welt gut oder fehlbesetzt ist und was uns deformiert. In der Entwicklung der Abbildung von Menschen wird die Veränderung gesellschaftlicher Hierarchien, der Mechanismen von Verfügung über Menschen, der Befreiung und ständigen Neu–Aufbruchs und Wandels von Ideologien sichtbar. Wie gesagt ist diese Reihe ein persönlicher Versuch der Veranschaulichung eines thematischen Wandels im Figurativen.

Abbildungen:
Heinrich Aldegrever 1502 — ca. 1561

Jacques Callot 1592 — ca. 1635

Leonaerd Bramer 1596 — 1674

Francisco Goya 1746 — 1828

Karl Blechen 1798 — 1840

Honoré Daumier 1808 — 1879

Odilon Redon 1840 — 1916

Vincent van Gogh 1853 — 1890

James Ensor 1860 — 1949

Max Ernst 1891 — 1976