Texte über Holger Bunk

Interview mit Holger Bunk
»Sonnendeck« – Stuttgarter Kunstnotizen

Von Franziska Münch, Juli 2005

Holger Bunk – »Blue Cap« (2005)
»Blue Cap« (2005), Acryl und Dispersion auf Leinwand, 120 × 160 cm

Holger Bunk, warum ist realistische Malerei so attraktiv?

Für das Publikum ist sie attraktiv, weil der Einstieg in ein Kunstwerk so leicht erscheint. Für mich ist attraktiv, dass der Einstieg so leicht erscheint und man eine Inszenierung von verschiedenen unterschwelligen Themen und Ebenen versuchen kann. Das eigentliche Thema ist aber gar nicht die Realität, sondern gerade der Zweifel am Realitätsgehalt und die extreme Beeinflussbarkeit von Wahrnehmung.

Die Menschen in Ihren neuesten Bilder wirken noch stärker der realen Welt entrückt, und das in fast bedrückender Weise.

Dass die Bilder verschlossener wirken, kann ich selber so nicht feststellen. Vielleicht kann man die Stilisierungen meiner Figuren mit dem vergleichen, was sich in Brechts epischem Theater vollzieht: Verfremdung statt Realismus. Eine Behauptung über Realität aufzustellen, traue ich mich heute weniger. Ich fühle mehr Distanz und auch mehr Respekt – besonders wenn ich Menschen darstelle.

Sie unterrichten in Stuttgart, leben aber in Amsterdam. Welchen Ort bevorzugen Sie?

Vor meiner Professur in Stuttgart bin ich von Düsseldorf nach Amsterdam umgezogen, weil ich dort ein schönes Atelier gefunden hatte. Diesen Auslandsaufenthalt hatte ich mir selbst verordnet, weil ich nach neuen Anregungen und Kontakten suchte. Das Pendeln bedeutet nicht, dass eine Stadt besser ist. Das Pendeln selbst ist vielmehr spannender als permanentes Bleiben, Übermittler zu sein gefällt mir.

Holger Bunk, Sie sagen, dass Blockaden überwunden und miteinander Erfahrungen gesammelt werden müssen.

Die Möglichkeiten von Kunst und Kultur werden oft unterschätzt. Da, wo politische oder wirtschaftliche Beziehungen problematisch sind, können Kunst und Kultur immer noch Bewegung ins Spiel bringen. Der Wert von Kunst als Ideenlieferant und Experimentierfeld liegt nicht nur im platten „Standortfaktor“. Studenten und Künstlern aus anderen Ländern und Kulturen beneiden uns um unsere großen Freiheiten und die darin liegenden Möglichkeiten.

Ist das Kunstprojekt in Namibia ein Beispiel für gelungenen Erfahrungsaustausch?

Weder Revolution noch Hilfsprogramme werden auf absehbare Zeit dort die fragile politische Situation verbessern können. Ein pragmatischer Künstlertyp kann hier zwischen Arm und Reich, zwischen privilegierten und benachteiligten Bevölkerungsgruppen zwanglos vermitteln. Die Menschen, mit denen wir Schulen bemalt haben, fragten uns nach unserem Leben aus, versuchten uns kennen zu lernen und arbeiteten mit uns zusammen. Inzwischen gehen Briefe hin und her und es wurden Sponsoren gefunden, die für Schulkinder das Schulgeld und damit ihre Ausbildung bezahlen. Im Juni werden Sie mit fünf Studenten bei einem renommierten Stuttgarter Unternehmen ausstellen. Glücklicherweise gibt es Unternehmen, die in vorbildlicher Weise einspringen, wenn öffentliche Institute finanziell unterversorgt sind. Das persönliche Engagement des Firmengründers Prof. Peter Horváth (Horváth & Partners), die Vermittlung der Leiterin des Stuttgarter Kunstmuseums Dr. Marion Ackermann und des neuen Akademiedirektors Dr. Ludger Hünnekens haben es möglich gemacht, dass für unser Projekt nicht bei Sponsoren „gebettelt“ werden musste, sondern dass ein erfolgreiches Unternehmen mit einem großzügigen Angebot auf die Künstler zukam.

Die Ausstellung heißt »win win«, was erwartet den Besucher?

Es geht um Dialog, Innovation und Phantasie im Umgang mit einem Wirtschaftsunternehmen. Statt der üblichen Dekoration von Bürowänden mit Bildern, die man irgendwie zusammensammelt, entstanden extra Arbeiten, die mit der Branche oder der Architektur des Unternehmens spielen. Die Studierenden sollten flexibel, aber auch kritisch mit vorgefundenen Situationen umgehen und nicht nur ihr „Markenzeichen“ hinterlassen. Die Ausstellung bei Horváth & Partners kann bis November 2005 auf Absprache besichtigt werden und es gibt einen umfangreichen Katalog.