Texte über Holger Bunk

Harald Uhr: Holger Bunk – Kugel auf Rädern
Eröffnungsrede zur Ausstellung im Denkraum Siegburg

Holger Bunk – »Kugel auf Rädern« / Ausstellung im Denkraum Siegburg

Holger Bunk – »Kugel auf Rädern«

Denkraum Siegburg

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
sehr verehrter Herr Bürgermeister,

auch ich begrüße Sie ganz herzlich zur Eröffnung der Ausstellung von Holger Bunk hier im Denkraum Siegburg. Meines Wissens handelt es sich hier bereits um seine zweite Einzelausstellung in diesen Räumen, einigen von Ihnen ist der der Künstler oder sein Werk daher vielleicht bereits vertraut. Ich selbst bin Holger Bunk bislang nur ein einziges Mal begegnet und diese Begegnung, recht flüchtiger Art, reicht auch schon sehr weit zurück und dürfte beim Künstler keine bleibenden Erinnerungsspuren hinterlassen haben. Im April 1991 jedenfalls habe ich dem Künstler bei der Hängung seines großformatigen Bildes „Fiktion“ in der Ausstellung des Kunstfonds im Bonner Kunstverein assistiert und glaube mich zu erinnern, dass auch sein damaliger Kölner Galerist Rolf Ricke diesen Vorgang aufmerksamst überwachte. Das Begebnis an sich tut auch eigentlich nichts zur Sache, erklärt aber vielleicht, warum ich gerne zugesagt habe, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen. Für diese Einladung bedanke ich mich daher auch bei der Galeristin Halina Szalc an dieser Stelle ganz herzlich.

Was wir heute hier zu sehen bekommen, ist ein Vielzahl kleinerer und mittelgroßer Arbeiten in den unterschiedlichsten zeichnerischen und malerischen Techniken. Pastelle, Aquarelle und Ölkreide. Bleistift- oder Buntstiftzeichnungen, Kohle und Filzmarker kommen zum Einsatz. Als Klammer all dieser Arbeiten, die zum überwiegenden Teil aus diesem Jahr stammen, fungiert jedoch der Titel der Ausstellung „Kugel auf Rädern“ und damit ist auch das Motiv dieser gegenständlich – figurativen Welt in Bildern benannt, welches in diversen Variationen auf nahezu allen Blättern auftaucht. Im Verbund mit diesen merkwürdigen Gerätschaften oder Requisiten sehen wir auf allen Bildern ein oder auch zwei männliche Protagonisten agieren. Kugel auf Rädern: In Zeiten des allenthalben grassierenden Mobilitätswahns hört sich dies ja zunächst einmal sehr verheißungsvoll an. Hier geht es rund! Und schneller obendrein. Doch Vorsicht ist geboten, denn ein wenig kippelig und instabil muten diese Phantasiegebilde dann doch auch an, vielleicht gerade weil eine Beweglichkeit in jede nur denkbare Richtung oder Dimension suggeriert wird. Können wir damit umgehen und ist das Ding am Ende überhaupt beherrschbar? Wer übt die Kontrolle über diese Epoche machende Erfindung am Ende aus und wer kontrolliert die Kontrolleure? Dass hier Fragen berührt werden, die unser Gesellschaftsgefüge in wechselnden Zusammenhängen immer wieder auf Neue herausfordern, ist gewiss kein Zufall. Beispiele hierzu liefert Ihnen nahezu jede Ausgabe der Tagesschau. Diese und ähnliche Fragen mögen sich jedenfalls bei der Betrachtung der Bilderserien von Holger Bunk einstellen. Einen fortlaufenden Erzählstrang hin zu einer klärenden Antwort finden wir in den Arbeiten nicht, wohl aber einen Comic-artigen Handlungszusammenhang, bei dem die einzelnen Bilder aufeinander Bezug nehmen und sich gegenseitig kommentieren können.

Wir können dem Zeichenvokabular Holger Bunks demnach eine mimetische Funktion nicht absprechen, zugleich jedoch dient es als Spielmaterial, aus dem sich immer wieder andere Konstellationen ergeben. Unterstützt wird diese Lesart auch durch die wiederkehrenden Figuren oder Akteure auf den Zeichnungen. Nur unschwer erkennen wir darin das Konterfei des Künstlers selbst. Dieser Sachverhalt ist jedoch keiner Allmachtsphantasie des Künstlers geschuldet, und wenn, dann zumindest lediglich auf der planen Oberfläche des Papiers. Vielmehr bestätigt Bunk mit seinen Bild- und Zeichnungssequenzen das ins Ereignis eingeführte Ich. Die Figur im Werk ist ein mit hoher Selbstidentifikation ausgestatteter Beobachter der Welt. Sie gibt sich damit als eine in die Verstrickungen der Lebenswirklichkeiten involvierte Figur zu erkennen. Dies hat auch etwas mit dem Bewusstsein von Verantwortlichkeiten und Zeitgenossenschaft zu tun. Hier steht der Autor für seine Werke ein. Der Künstler zeigt, dass er der Urheber seiner Aussagen ist, schließlich besteht darin seine einzige Autorität. Im Bild erforscht Bunk das Verhältnis von Selbstwahrnehmung und Verdinglichung, von Vorstellen und Herstellen, Denken und Tun. Dem geht der Blick in den Spiegel notwendiger Weise voraus, und weist diesen als Distanz- und Reflexionsmedium aus. Mit dem Blick in den Spiegel gehe ich zu mir selbst auf Distanz und nehme eine beobachtende Haltung ein. Was ich dort zu sehen bekomme, muss mir auch nicht immer oder unbedingt gefallen. Holger Bunk ist mal kritischer, mal ironischer, mal skeptischer, mal zweifelnder, mal belustigter Beobachter, Modell und Maler seiner szenischen Erfindungen. Er etabliert demnach mit seinem Labor der Bilder keinen figürlichen Realismus sondern stellt mit künstlerischen Mitteln jedweden Realismus zur Disposition. Der Künstlerkollege Georg Winter bezeichnete Holger Bunk einmal treffend als „Scout, der uns einen Weg zeigt, wie man die Realität oder was man dafür hält, zu einer Wirklichkeit erweitern kann.“

Erweitert werden die Bilder und Zeichnungen etwa zu Reflexionsräumen, die die Pluralität der Deutungshorizonte in ihrer Offenheit belassen. Ein Weltbezug und ein Verhältnis zu Lebensrealitäten, wie offen oder verrätselt auch immer diese verstanden oder erspürt werden mögen, durchzieht die wechselvolle Bildproduktion Bunks jedenfalls bis heute. Ist es doch dieses unsichtbare, von uns bewohnte Lebensgefüge, in das hinein der Künstler seine Arbeiten als Stolperfallen auslegt. Seine Kunst liefert auf poetische oder kalkulierte Weise Anstöße, um über Sinn und Unsinn unserer Existenz zu reflektieren, im Dialog mit anderen, im Monolog mit unseren Wahrnehmungsweisen und in der Auseinandersetzung mit der sinnlichen Präsenz der Arbeiten. Zur Disposition stehen kunstimmanente Fragestellungen zum Bildraum und zum Raum des Bildes und, damit verwoben, unsere eigene Verortung in dem unsere Existenz konstituierenden Raum.

Kunstwerke im Allgemeinen und die Arbeiten Holger Bunks im Besonderen können daher nicht ausschließlich als Teil der Realität, sondern gleichermaßen als Mittel der Verständigung über Realität begriffen werden. Demnach ist die Sprache der Kunst keine Fachsprache, vielmehr ist sie eine Form der Kommunikation, welche auf frei verfügbare menschliche Wahrnehmungsressourcen und Intelligenzreserven zurückgreift. Die Bilder werden nicht verstanden als Technik, die lediglich einen Gedanken abbilden, sondern als unterschiedliche Wege, die simultan einen Raum für Gedanken öffnen, das Erlebnis von Bildersprache als ein Raum des Versprechens, als Botschaft, als Verheißung von Bedeutung vermitteln. Das Sehen ist wohl der einzige Sinn, bei dem der Vorteil nicht in der Nähe, sondern in der Distanz liegt. Etwas genau betrachten, heißt wissen wollen, wie es aussieht, falls jemand danach fragt. Die angeschaute Bildfläche erfordert unsere visuelle Aufmerksamkeit, verpflichtet zur Bestätigung, gestattet den Zweifel oder lädt zu Spekulationen ein. Die Bilder erinnern den Betrachter daran, dass Sehen ein Tätigkeitswort ist und bestimmen uns somit zu aktiven Beobachtern unserer Welt.

Hierzu bedient sich Bunk einer Chiffrenschrift, die zwischen dem Sinnlichen und dem Sinn zu vermitteln sucht. Jenseits von Diskursivität und Regelsystemen und jenseits bloß intellektueller Intuition entwirft Bunk ein Zeichen- und Begriffssystem, das aus der Innovation einer abschweifenden und spekulativen Sprache lebt. Seine Bilderreihen tragen dazu bei, neue Gestaltungen des Sichtbaren, des Sagbaren und des Denkbaren zu entwerfen. Seine Haltung ist geprägt von der verhaltenen Sicherheit der vagabundierenden Spieler, Poeten und ‚Bastler’, die den Alltag gleichermaßen als Materiallieferanten wie als Baustelle benutzen, als gegeben und infiltrierbar vorstellen. Im Ergebnis entstehen dann glücklich verwandelte und neu lesbare Orte, Orte, die Relationen aufzeigen, Energien und Utopien verhandeln. Bunk begreift die Welt, die menschlichen Beziehungen als „Ensembles“, als veränderliche Konstellationen von Wahrnehmung und Reflexion, von Normen, Geschichten, Emotionen und Theorien. Auf spielerisch-kreative Weise erkundet Holger Bunk somit die poetischen Freiräume unserer durch technische Medien normierten Bildwelten, ohne dass diese sich in jedem Einzelfall einer ‚Plausibilitätskontrolle’ durch den Betrachter unterziehen lassen. Die vertraut erscheinenden Motive erweisen sich als Versatzstücke einer imaginären Parallelwelt, die sich unserem Verlangen nach eindeutiger Zuordnung entziehen. Darin besteht jedoch auch ihre Gleichnishaftigkeit dem Leben gegenüber – einem Spiel, dessen Zweck darin besteht, die Regeln herauszufinden, wobei sich die Regeln andauernd verändern.

In Bunks Zeichnungen kommt ein Bildbegriff zum Tragen, in der Bilder nicht Abbilder sind, sondern Konfigurationen, in denen die Dinge der äußeren Welt mit Figuren des Denkens zusammentreten. Vor diesem Hintergrund gehen die Bilder über das empirisch Wahrgenommene hinaus, mehr noch, der Betrachter gewinnt erst in und mit ihnen eine Vorstellung vom Wahrgenommenen. Die Zeichnung von Holger Bunk ist zunächst ein reines Urteilen über Formen, zugleich jedoch auch eine intensive Tätigkeit des Geistes und damit selbst Medium der Erkenntnis. Seine Kunst ist die sinnlich konkrete und gleichzeitig reflektierte Auseinandersetzung mit den Aporien, in die das Anschauliche gerät, wenn die Welt als solche zunehmend abstrakter und somit fragwürdiger und zweifelhafter wird. Die Zeichnungen des Künstlers verrätseln den Raum, zwingen zur Neuverortung und machen den Zweifel am Sichtbaren mit Hilfe des Abbildes sichtbar. Die Bilder dürfen visuell bewohnt werden, damit sich das Auge des Geistes oder der Geist des Auges verlässlich darin bewegen kann. Wir können uns diese Bilder daher als den Ort vorstellen, an dem sich die gesehene, erinnerte oder imaginierte und die gezeichnete Welt einander berühren.

Harald Uhr, 31.10.2013