Texte über Holger Bunk

Drei Malergenerationen
Ein Gespräch zwischen Volker Tannert, Peter Bömmels, Rissa und K.O. Götz

Moderation Christa & Axel Hinrich Murken

VT: Akte sind hier bei uns sehr beliebt. Leider haben wir nur eine Vergangenheit, in der es auch jede Menge Akte gab. Dem haben die zeitgenössischen Künstler aber einen Riegel vorgeschoben.

Rissa: So habe ich das noch nie gesehen.Wenn ich meine Akte ansehe, habe ich noch nie den Eindruck gehabt, Nationalist zu sein.

VT: Sicher nicht.Aber leider kommt man heute,so glaube jedenfalls ich, sehr schnell wieder in diese Ecke. Auch dann,wenn man diese Akte nicht wie z. B. Breker malt.

Rissa: Das mache ich natürlich nicht. Meine Akte sollen eher unter POP-Art und Erotik angesiedelt sein.

AHM: Ich wollte nur etwas provozierend fragen. Auch ich glaube,daß wir durch die NS-Maler gebrannte Kinder sind. Aber-wir sind doch lernfähig. Der Deutsche hat doch politisch sehr viel gelernt. Holger Bunk beispielsweise versucht doch, gute Akte zu machen. Ja.

VT: Holger Bunk ist jemand, der richtig Fleisch malen kann.

AHM: Ja, das ist richtig.

VT: Das ist nicht nur ein Caput Mortuum mit Weiß dazwischen,sondern da sind auch blaue und grüne Farbtöne drin. Teilweise ist die Zusammenstellung abenteuerlich.

AHM: Kämen Akte auch für Sie nicht in Frage, statt eines Schafes zum Beispiel?

VT: Das ist auch für mich ein Reizthema. Akte sind etwas, was tabuisiert ist. Sowas reizt mich natürlich dann auch. Nur – es ist schwierig, das gut und überzeugend zu machen.

AHM: Richtig. Das sehe ich auch so.

KOG: Herr Tannert, ich kenne Ihre Arbeiten aus dem Lyoner Katalog. Wie arbeiten Sie zur Zeit. Machen Sie jetzt auch größere Figuren, oder wie dort, nur kleine Figuren in großen Landschaften.

VT: Meine Figuren sind immer noch klein, praktisch zusammengeschrumpft.

KOG: Die Arbeiten sind alle aus den 80er Jahren.

VT: Ja, richtig. Meine ganz frühen Arbeiten bestanden auch aus Figuren, die aber verstückelt waren. Figuren,bei denen ganze Körperteile fehlten. Oder wo eine Hand in einen Fuß überging.

KOG: Wie arbeiten Sie heute.Ich meine,die letzten 4-5 Jahre. Sind die Figuren im Vergleich zum Bildformat immer noch klein.

VT: Ja,das war meine Standardlösung,von der ich aber langsam wegkommen möchte. Da müßte sich aber plötzlich etwas ergeben. Zur Zeit habe ich dafür noch keine Lösung. Zu einem reinen abstrakten Maler kann ich aber nicht werden.

Rissa: Auch ich bin neben dem großen KOG nicht zu einem abstrakten Maler geworden, obwohl ich auch informelle Bilder gemalt habe.

KOG: Sie hat 1962 wundervolle abstrakte informelle Bilder für das Staatsexamen gemacht.

Rissa: Ja, schon. Aber ich habe gemerkt,daß ich mir etwas ganz anderes ausdenken mußte. Ich habe sowieso mehr eine erzählerische Mentalität.

VT: In den Arbeiten, mit der ich mich an der Akademie beworben hatte, war auch diese erzählerische Komponente drin. Das erste, was Peter Kliemann mich fragte, war, ob ich nicht besser Filme machen sollte.

AHM: Um nochmals auf abstrakt-gegenständlich zu kommen. Bei Volker Tannert fällt mir besonders die gute Proportionierung zwischen abstakt und gegenständlichem auf. Auch halte ich Sie für einen klassischen Vertreter der deutschen Romantik, während Dahn und Dokoupil versucht haben, durch Experimente oder Zerstückelung wie bei Dahn, sich weit von einer konstanten Malerei zu entfernen. Bei Dahn kommt wahrscheinlich dieser Beuys-Druck hinzu.

VT: Dahn hat das ja erst nach Beuys Tod gemacht, vorher war das nicht so.

AHM: Ja, Sie haben recht.

KOG: Was hat Dahn denn vorher gemacht?

VT: Bis zu Beuys Tod hat er viel gemalt. Seitdem macht er Objekte.

KOG: Gemalt hat er also, als Beuys noch lebte.

VT: Ja.

AHM: Und an und für sich ganz eindrucksvolle Bilder. Eindrucksvoller,fand ich als Dokoupil. Dokoupil ist vielleicht die Polke-Schule in jung, da er ja viel experimentiert hat, und mal so und mal so malte, während die klassische Variante mehr von Tannert vertreten wird. Beide aber innerhalb unserer Postmoderne, beide Ströme, informel und realistische Pop-Art ineinander fließen, oder sehen Sie das anders, Herr Tannert?

VT: Ich sehe das immer klarer. Bisher dachte ich, Polke sei von Hoehme geprägt, jetzt höre ich , daß er vorher Götz-Schüler war.

KOG: Das hat er bei mir aber nicht gelernt.

Rissa: Das stimmt aber nicht ganz. Sein Schlüsselerlebnis ist Picabia.

KOG: Ich hatte damals, Anfang der 60er Jahre, Polke auf dem Flur getroffen, da hatte er sein erstes, ein bischen Picabia-haftes Bild gemalt. Hör mal, habe ich gesagt, Picabia war doch ein toller Maler. Da bekam er einen roten Kopf. Ist aber doch ganz legitim, daß man sich anregen läßt von einem der großen Meister und dann daraus etwas Eigenes macht. Mein Eingriff bei den Schülern war der, daß ich sie über Wochen und Monaten stimuliert habe, das, was sie gemalt hatten, weiterzuverfolgen. Und nicht immer wieder was anderes zu versuchen. Motto: Mach mal weiter. Dann kam entweder ein Höhepunkt oder ein Tiefpunkt. Wenn sie down waren, habe ich versucht zu helfen, um sie aus dem Loch zu holen. Beispielsweise einfach über andere Dinge zu reden.